| pg27. 07. 2020 14:24:30 |
Endlich war Anfang vergangener Woche bei meinen Streifzügen in den Alpen um Innsbruck die Zeit für den „König der Stubier Berge“ gekommen, Habicht („Habicht“; wenn ich kurz kommentieren darf, vielleicht würde „Adler“ einem der Hauptgipfel des Massivs besser passen, aber sei’s drum). Habicht ist ein breiter und mächtiger Berg, der sich hoch über das Stubaital und das Obertal erhebt; wegen seiner etwas isolierten Lage (es handelt sich um den höchsten Gipfel in den Stubaier Alpen, der nicht in der Hochstubai-Gruppe, der Zuckerhütl-Gruppe oder im Alpenkamm liegt) ist er von weitem erkennbar, und entsprechend außergewöhnlich ist auch die Aussicht, die der Gipfel bietet. Wegen seiner Prominenz, mit der er sich den Blicken der Innsbrucker Beobachter aussetzt, galt er lange als höchster Berg Tirols – natürlich haben modernere Messgeräte geholfen, diesen Gedanken aufzugeben. Obwohl er 500 Meter hinter der Wildspitze zurückbleibt und mehr als 200 m niedriger als der höchste Gipfel der Stubaier Alpen, der Zuckerhütl, ist, behält Habicht eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des lokalen Tourismus und zählt zu den beliebtesten Dreitausendern in der weiteren Umgebung. Dazu trägt auch der relativ schnelle Anstieg von Innsbruck bei, das Fehlen schwerer technischer Hindernisse beim Aufstieg (dieser ist von mäßiger Schwierigkeit, vergleichbar z. B. mit dem normalen Anstieg auf den Viš oder die Škrlatica) und die Innsbrucker Hütte an günstiger Lage. Dennoch handelt es sich bei Habicht um einen ernsthaften und anstrengenden Aufstieg, bei dem wir unabhängig von der Wahl des Ausgangspunkts mindestens 2 km Höhenunterschied überwinden müssen. Der Aufstieg bei mäßigem Tempo erfordert ca. 5-6 Stunden, und die Tour ist für eine gut eingelaufene Berggängerin definitiv an einem Tag machbar (was diesmal angesichts der unglücklichen Umstände die bessere Wahl gewesen wäre), doch ich hatte mich in die außergewöhnliche, schwindelerregende Spitze des Ilmspitze verguckt, zu der eine kühne Klettersteig führt, der den besten dolomitischen Äquivalenten nachempfunden ist, und für den die Innsbrucker Hütte der optimale Ausgangspunkt ist, weshalb ich auch diesmal eine Zweitagestour geplant hatte. Bereits beim Besuch des Klettersteigs Geierwand, des Klettergartens bei Heiming und während der Radtour um Zirla am Wochenende hatte ich mich nicht optimal gefühlt; während der morgendlichen Fahrt quälte mich Kopfschmerzen, die ich den Arbeitsbelastungen und Anstrengungen sowie allen kürzlich unternommenen Aktivitäten zuschrieb. Schon beim Aufstieg vom ausgedehnten Dorf Gschnitz zur Hütte, zusätzlich beladen, ging ich deutlich weniger energisch als gewohnt und brauchte zur Hütte deutlich länger als erwartet, fast die vorgeschriebene Aufstiegszeit. Doch nach den ersten 1200 Höhenmetern, Stärkung und teilweisem Abladen fühlte ich mich wieder besser, und der Aufstieg zum Habicht verlief problemlos. Der Weg selbst ist durchaus angenehm, anfangs verläuft er über einen breiten Berggrat, wo wir im hochalpinen Stil zwischen großen Steinen schlangenförmig gehen, ein guter Teil des Wegs ist gesichert (schwierig). An einigen Stellen klettern wir I. Grad, was zahlreichen Wanderern keine besondere Hürde darstellt (trotz Montag traf ich auf dem Weg viele absteigende Besucher, einige machten sich erst am späten Nachmittag auf zum Gipfel). Später queren wir gesicherte Platten und einen kurzen Grat und etwas höher die Reste des Gipfelferners, für den wir keine Ausrüstung brauchen (ich hatte sie vorsichtshalber dabei, sie erwies sich aber als völlig unnötig. Ich sah allerdings einige Besucher mit Selbstsicherungs-Sets, was mir auf diesem Weg doch etwas übertrieben erscheint, aber sicher eine individuelle Entscheidung). Zum Gipfel führt stellenweise exponierter gesicherter Weg mit gelegentlich unangenehm lockerer Kette. Die Aussicht vom Gipfel ist fast unbeschreiblich großartig. Wegen Höhe und exponierter Lage ist Habicht der führende Aussichtspunkt über die Stubaier Alpen, die wir fast vollständig mit einem Blick umfassen können, ebenso wie die Gletscherflächen der Ötztaler Alpen, der Ortlergruppe und die Gipfel der Zillertaler Alpen; tief unter uns liegen das Stubaital, das Obertal und das Oberbergbach-Becken, der Blick reicht bis Innsbruck und zum Karwendel darüber. Vielleicht am schönsten sind die Blicke zu den kühnen und ansprechenden Tribulaunen, in die ich mich sofort verguckt habe und mir eine Tour für nächstes Mal ausmalte. Der schönste Blick darauf (bzw. darauf, es sollen doch drei sein) ist vom angenehmen Alfaier See, der etwas unter dem Weg zum Habicht liegt. Nach langem Umsehen auf dem Gipfel machte ich mich in gemächlichem Tempo auf den Rückweg zur Hütte und gönnte mir, da der Tag lang, das Wetter recht gut und mit Übernachtung in der Hütte, längeres gemütliches Lesen und Kontemplation am Rand des Gletschers bei gut 3100 m. Trotzdem hätte ich bei Ankunft in der Hütte noch mehr als genug Zeit für einen bequemen Abstieg ins Tal gehabt. Stattdessen nutzte ich den Abend für Aktivitäten um die Hütte: über zerklüftetes Gelände und leichte Passagen (II bis schwache III) stieg ich auf einen der Türme im Kalkwand-Massiv auf, schon am späten Abend kletterte ich einen kurzen Trainings-Klettersteig in der Nähe der Hütte (Start schwaches D, sonst max. C/D, gerade mal über 20, vielleicht 25 Minuten) und am See beobachtete ich die letzten Sonnenstrahlen, die Tribulaun sublim beleuchteten. Nachts, auch dank der ansonsten freundlichen Niederländer, vor allem aber wegen des schlechten Befindens, habe ich kein Auge zugemacht und morgens fühlte ich mich ausgelaugt und kraftlos. In der Annahme, es liege hauptsächlich an der schlecht geschlafene Nacht, machte ich mich doch auf zum Ilmspitze, der laut rief. Zuerst stieg ich zum aussichtsreichen Kalkwand (2564 m) auf, nur wenige Minuten abseits des Wegs zum Ilmspitze, doch das Befinden verbesserte sich nicht wesentlich, es kam mir immer mehr so vor, als ob es sich um Krankheit und nicht nur um Müdigkeit handelte – letzteres bin ich gewohnt. Trotzdem setzte ich die stellenweise recht luftige Querung hoch über Gschnitz fort und fand mich bald am Fuß der monumentalen Ilmspitze-Struktur wieder, über deren Wand dieser wirklich kühne, recht lange Klettersteig führt. Dort beobachtete ich eine Gruppe, die zum Gipfel stieg; die Wettervorhersagen für den Tag waren nicht gut, aber stünde ich um 12 Uhr oben, was trotz längeren Wartens auf Besserung des Befindens durchaus noch machbar war, könnte ich vielleicht den Gewittern entgehen. Nach längerem Zögern begann ich und meisterte schon den technisch vielleicht anspruchsvollsten Teil zu Anfang (vielleicht D), aber mit solcher Anstrengung und Schmerzen, dass ich sah, dass ich an diesem Tag schlicht keine körperliche Kraft und Gesundheit für fast zweistündiges Klettern hatte, gefolgt von noch schwierigerem, nur teilweise gesichertem und exponiertem Abstieg. Es fing leicht zu regnen an – deutlich vor den Vorhersagen – Wolken bedeckten bedrohlich den Himmel und es wurde richtig kalt, und nichts blieb übrig, als vor möglichem Gewitter ins Tal zurückzukehren. Beim Abstieg sprang ich über leichten Wegefrei nochmal zum Kalkwand und umging Teile des gleichen Wegs zurück, bei Ankunft an der Innsbrucker Hütte lichtete es etwas auf. Der relativ lange Abstieg zur Gaststätte Feuerstein, von der ich im angenehmen Umfeld zum Auto in Gschnitz lief, war teilweise nass, aber es kam zu keinem richtigen Regenguss oder gar Gewitter. Dennoch verbrauchte ich bei immer schlechterem Befinden und zunehmender Erschöpfung jeden Rest Energie – wie sich herausstellte, lag ich bei der Rückkehr einige Tage mit schwerer Virusinfektion, hohem Fieber, aber negativem COVID-19-Test flach. Dieser Tag hat den ansonsten schönen Ausflug in diese einladenden Berge etwas getrübt, aber kein Drama. Nach der erzwungenen Pause vergangene Woche komme ich langsam zurück, und bald gibt es neue Berichte und Postkarten von tiroler Gipfeln.
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