| pg16. 07. 2021 15:52:33 |
Nach längerer Abwesenheit melde ich mich mit einem Bericht einer Bergwanderung - der Grund ist, dass ich nach Abschluss beruflicher Verpflichtungen in Innsbruck nach Slowenien zurückgekehrt bin; hier hat es an schönen Touren nicht gemangelt, aber es geht meist um Aufstiege, die auf dem Portal größtenteils gut bekannt und solide beschrieben und dokumentiert sind. Dies gilt jedoch nicht für die vorliegende Querung des berühmten Karwendel-Massivs in den Nördlichen Kalkalpen, das trotz der letzten reichhaltig ausgebauten Bergsteigersaison noch über mir hing - ich hatte nur den südlichsten und allgemein bekanntesten Teil des Massivs, die Nordkette, relativ gut durchquert, wo ich auf die Gipfel entlang der Innsbrucker Klettersteig-Route, Solstein und Hafelekarspitze gestiegen bin, im November aber auch die weniger bekannten Lattenspitze und Wildangerspitze angegangen. Die Querung des Kerngebiets mit Aufstieg auf den höchsten Gipfel Birkkarspitze, die nahe Innsbruck beginnt und nahe der deutsch-österreichischen Grenze in Scharnitz endet, musste höheren und scheinbar prestigeträchtigeren Zielen weichen, ein Wetterumschwung machte diese komplexe und anspruchsvolle Tour später unmöglich. Den Schulden habe ich bei einer kürzeren Rückkehr nach Innsbruck beglichen. Das Karwendel ist das ausgedehnteste und eines der bekanntesten Massive in den Nördlichen Kalkalpen, wozu die Nähe zu Innsbruck beiträgt, über der der südliche Wall, (unglücklich benannte) Nordkette, wie ein mächtiger Bergwächter thront, ebenso wenig zu vernachlässigen sind die außergewöhnliche landschaftliche Schönheit, zahlreiche hervorragend markierte Wege, anspruchsvolle Bergziele und bequeme Hütten. Die Querung des Kernbereichs der Gruppe ist daher eine recht beliebte Aktivität, auch wenn die meisten sich für den kürzeren "Höhenweg" ohne Zwischengipfelaufstiege oder die königliche Etappe von Hallerangerhaus nach Karwendelhaus mit Aufstieg auf Birkkarspitze entscheiden. Im Unterschied zu den höheren Massiven südlich des Zentrums Tirols erreicht das Karwendel auf seinem höchsten Punkt, der 2749 m hohen Birkkarspitze, selbst für slowenische Verhältnisse eine relativ bescheidene Höhe, versagt aber nicht bei außergewöhnlichen Naturvoraussetzungen - dank Kalkstein hat die Natur im weiten Gebiet des Massivs zahlreiche kühne Felstürme und Spitzen geschaffen (das Karwendel ist Heimat vieler schwerster Aufstiege in Österreich), das Gebiet durchziehen unzählige idyllische Almen, Karsee, Wildbäche und Wasserfälle. Das Karwendel hat sich durch die Attraktivität der Umgebung im Laufe der Jahre eine etwas unoriginelle Etikette als "österreichische Dolomiten" erworben, wobei die eminente Schwierigkeit des Zugangs zu vielen seiner Gipfel keineswegs zu leugnen ist: Zu vielen Spitzen führen nur anspruchsvolle Kletterrouten UIAA IV und mehr im bröckeligen Gelände, auch markierte Wege sind oft leichtere Klettersteige (z. B. Rumer Spitze, Speckkarspitze oder Lafatscherspitze). Aus diesen Gründen - und der geringeren Höhe, die ein wichtiger Faktor im goldenen und silbernen Zeitalter der Alpenerschließung war - wurde ein großer Teil des Karwendel-Kerns relativ spät erforscht, heute, in der Zeit beschleunigten Abenteuertums, fehlen ihm weder Kletterrouten, Klettersteigen noch gesicherte Passagen - wenngleich bei letzteren, wie beim Birkkarspitze, aufgrund instabilen Gesteins die Sicherungen oft beschädigt sind. Die gesamte Querung in der Form, wie ich sie geplant habe, erforderte in drei vollen Tagen rund 8000 Höhenmeter auf einer über 40 km langen Strecke, die im Dorf Absam nahe Hall in Tirol begann und in Scharnitz endete, von wo ich mit dem Zug nach Innsbruck zurückkehrte. Tag 1: Absam (632 m) - Bettelwurfhütte (2077 m) Am Tag nach Ankunft in Innsbruck fuhr ich nach beruflichen Verpflichtungen in Innsbruck nachmittags mit dem Bus nach benachbarten Absam und machte mich bei Erwartung eines Aufstiegs bei ungünstigem Wetter auf den Weg durch das malerische Halltal. Bald nach Beginn des ernsthafteren Anstiegs zur Hütte erwischte mich ein Gewitter, das sich jedoch bald zu moderatem Regen mäßigte. Der Aufstieg auf dem üblichen Weg zur Hütte ist teilweise anspruchsvoll mit zahlreichen gesicherten Stellen, wobei die Sicherungen hauptsächlich dem Komfort des Übergangs dienen und für den Fortschritt nicht zwingend nötig sind; meist wandern wir zwischen Latschen, bei schönem Wetter würden uns auf ganzer Strecke außergewöhnliche Ausblicke übers Inntal motivieren. Ich war größtenteils um sie betrogen und erreichte die Hütte bei zunehmendem Guss, der bis Abend noch kein neues Gewitter wurde. Die Kleidung trocknete in der freundlichen Hütte bei Grog schnell, und zum logistischen Plan für den zweiten Tag fügte ich bei der Zusage einer Wetterbesserung am späten Vormittag noch den Aufstieg zum Grosser Bettelwurf über seinen kleineren Bruder hinzu. Der Aufstieg zur Bettelwurfhütte ist auch über einen relativ neuen, attraktiven und nicht besonders anspruchsvollen Sport-Klettersteig möglich, den ich unter anderen Bedingungen sicher genutzt hätte. Tag 2: Bettelwurfhütte - Kleiner Bettelwurf (2650 m) - Bettelwurfhütte - Lafatscher Joch (2081 m) - Speckkarspitze (2621 m) - Hallerangerhaus (1768 m) Am zweiten Morgen regnete es trotz anderer Vorhersagen nicht und die schnell getrocknete Felswand trieb mich schneller als erwartet zu den mächtigen Felstürmen der Bettelwürfe hoch über der Hütte. Obwohl zum Grosser Bettelwurf ein leichterer, teilweise gesicherter Weg führt, wollte ich die günstigeren Bedingungen nutzen (die Vorhersagen sagten, der Tag werde besser und schon vormittags solle die Sonne kommen) und über den Bettelwurf-Klettersteig, der im Schlussabschnitt D erreicht, zuerst zum Kleinen, dann zum Großen Bruder steigen - dieser Tag war nämlich dem Besuch von Gipfeln im Süden des Karwendels gewidmet, da bis zur nächsten Station Hallerangerhaus nur ca. 2,5 Stunden Querung sind. Als ich nach drei Viertelstunden über grasige Hänge die Felsformation der Bettelwürfe und damit den Einstieg in den Klettersteig erreichte, verschlechterten sich die Bedingungen unerwartet, es kühlte ab und es begann leicht zu regnen. Ich versuchte es, der Fels war trotz ganztägiger Gewitter nach einigen regenfreien Stunden noch trocken, aber der Klettersteig im Unterteil ist nicht besonders schwer und bis zum Kleiner Bettelwurf gab es keine Probleme: Wir müssen zwei Seillängen B/C, vielleicht C, meistern, eine lästige Stelle freiklettern (angeblich II-), was nur nass eine kleine Plage ist, der Rest ist leichter und erreicht höchstens B. Der Weg ist wie alles im Karwendel hervorragend markiert, doch extreme Bewölkung und Dunkelheit zwangen mich zu vorsichtiger Erkundung der Fortsetzung. Am Kreuz auf dem Gipfel - nur am Kreuz schließe ich, dass ich auf dem Gipfel war, GPS bestätigte es nicht, und gesehen habe ich eh nichts außer wenigen Metern vor mir - gesellte sich Schnee zum immer stärkeren Regen, heulte starker Wind auf und Nebel wurde dichter. Nach Zögern stieg ich zum Sattel zwischen den Bettelwürfen ab und wartete dort Minuten auf die versprochene Besserung, den Schlussabschnitt betrachtend - zwischen den Bettelwürfen sind nur 75 m Höhenunterschied, doch mehrere Seillängen C/D-D und exponierter Grat zum Gipfel machen den Großteil der Schwierigkeit des Aufstiegs im Endabschnitt aus. Da die Bedingungen sich verschlimmerten und mich ehrlich fror - den Großteil warmer Kleidung hatte ich wegen des Klettersteigcharakters im Hütten gelassen - blieb mir nichts anderes, als über den Klettersteig zurück zum Ausgang abzustiegen. Der Abstieg verlief auf nassem und bröckeligen Fels, aber bis zur Hütte, wo ich mich schnell trocknete, keine Probleme. Nachmittags hörte der Regen auf und Sonne kündigte sich langsam an, so machte ich mich zur Fortsetzung der Querung auf. Nach anderthalber Stunde war ich am ausgedehnten und transitmäßig wichtigen Lafatscher Joch, wo ich im Gestrüpp für den Aufstieg überflüssige Ausrüstung, Essen und Kleidung ablegte und über den Südkamm zum nächsten Gipfel, lange gewünschten Speckkarspitze, aufbrach. Der Aufstieg über den Südkamm ist leichter Kletterweg, der in den ersten drei Viertelstunden milden Charakter zeigt; beim Erreichen des Gesteins eines Gratturms ändert sich das und am Kamin beginnen wir zum Gipfel zu klettern. Der Anfang ist technisch schwerste und erreicht UIAA II; weiter klettern wir ständig I auf stellenweise recht exponiertem, aussichtsreichem Grat, nur einzelne Stellen mahnen vielleicht zu höherer Bewertung. Da anders als im Großteil des Karwendels (und auch dem Abstiegs-Nordgrat) der Fels am Südkamm hervorragend ist, ist der Aufstieg ein Genuss. Nach unter anderthalb Stunden Aufstieg vom Sattel stand ich auf dem Gipfel, wo mich drei deutsche Bergsteiger erwarteten. Gemeinsam warteten wir eine teilweise Auflockerung der Wolken ab, die einzelne außergewöhnliche Blicke ermöglichte, wenngleich der Großteil des Panoramas bedeckt blieb. Auf dem geräumigen, schönen Gipfel blieb ich eine Weile, kurz nach 16 Uhr stieg ich über den leichteren, nicht besonders exponierten und gut gesicherten, aber bröckeligen Nordgrat ab. Am Weg enthüllten sich außergewöhnliche Ausblicke ins Karwendel-Innere, Bedingungen verbesserten sich. Tiefer fand ich einfachen unmarkierten Querweg, der mich ohne weiteren Anstieg zum Sattel brachte, und im immer sonnigeren und "belebtem" Nachmittag stieg ich langsam zur Hallerangerhaus ab, die inmitten sehr einladender Landschaft unter der imposanten und visuell ansprechenden Nordwand der Speckkarspitze liegt. Vor der Nacht folgte der (einzige) zauberhafte Sonnenuntergang, geringere Hüttenbelegung diente auch gut der Ruhe vor dem anspruchsvollsten Teil der Querung. Tag 3: Hallerangerhaus - Abzweigung unter Kasten Alm (ca. 1200 m) - (Birkkarhütte (2635 m)) - Birkkarspitze (2749 m, höchster Gipfel des Karwendels) - Karwendelhaus (1765 m) Samstags folgte die Königsetappe mit fast 15 km Weg und über 3000 Höhenmetern; außer dem Schlussaufstieg zur Birkkarspitze bildet die Route auch den schwersten Teil der beliebten Adlerweg-Runde, gekennzeichnet durch zahlreiche üppige Auf- und Abstiege sowie, mindestens in der geplanten Richtung, lange Anstiege über weite Schuttfelder (in ursprünglicher, umgekehrter Richtung dennoch weniger anstrengend). Der Weg quert nahe der Birkkarhütte (ungehütet, eigentlich Biwak) gut hundert Meter unter dem höchsten Gipfel des Karwendels, berühmten Birkkarspitze, von der uns noch gute fünfzehn Minuten anspruchsvoller und stellenweise gefährlicher Schlussaufstieg trennen. Nach Erwachen in herrlichem Morgen stieg ich zuerst auf Schotterstraße in ansprechender Landschaft ca. 600 m zum Abzweig unter der Kasten-Alm ab, wo ich hinter Sumpf am Weg angenehmen Pfad erspähte, der oberhalb kleiner Schlucht des Birkkarbach-Bachs zu ausgedehnten Südhängen der Birkkarspitze führt. Über gesicherten Bachübergang muss etwas geklettert werden, höher erinnert der Weg zunehmend an Hochtouren in den Kalkjulischen Alpen, was übrigens - im Gegensatz zu Gebirgen südlich Innsbrucks - fürs ganze Karwendel typisch ist. Bei großer Hitze und enormem Gewicht des vollen großen Rucksacks, der u. a. die gesamte (ungenuetzte) Winterausrüstung trug, waren anstrengende Schuttanstiege umso ermüdender [auf Wegen sind Schneefelder, die keine Probleme machen oder größtenteils hilfreich und kühlend sind]. Zum Schlauchkar-Sattel und Birkkarhütte zwischen Birkkarspitze und nur etwas niedrigerem Ödkarspitze-Massiv führt im Schlussabschnitt leichter gesicherter Weg, wobei wegen extrem zerklüftetem Gelände Sicherungen stellenweise beschädigt sind; bei Abstieg mit Bergsteigern über dir rate ich Helm. Langer Anstieg bei starker Hitze über glühenden Stein mit unmenschlich schwerem Rucksack erschöpfte mich stark, daher nutzte ich kurze Pause im Biwak, wo ich unnötige Sachen vor Birkkarspitze-Aufstieg ablegte. Wie gesagt ist der Schlussaufstieg zum Gipfel zwar kurz, aber wegen extremer Bröckligkeit und gerissener Sicherungen entscheidend und anspruchsvollste Etappenteil. Gelände hängt, erfordert ständige volle Konzentration, stellenweise klettern wir auch ein bisschen. Ausblicke vom stark besuchten (auch an diesem Tag) Gipfel weit, unter uns prangen meisten scharfen Gipfel und malerischen Täler des ausgedehnten Karwendels, Blick erfasst auch Hauptteil Zillertaler, Stubaier und Ötztaler Alpen im Süden. Von Hallerangerhaus zum Birkkarspitze-Gipfel ca. 7 Stunden Gehzeit. Auf dem Gipfel blieb ich nicht lange und kehrte vorsichtig zum Sattel zurück. Zunächst wollte ich zum Ostgipfel benachbarter Ödkarspitze springen, aber wegen angesagter Spätnachmittags-Gewitter (zwischen Hallerangerhaus und Scharnitz-Nähe hatte ich Signal nur am Biwak! - Karwendel) und langem Aufstieg begann ich schnellen Abstieg nördlich zum Karwendelhaus auf "üblichem Weg" zur Birkkarspitze. Dieser ist wesentlich leichter und weniger mühsam als Aufstiegsweg, über ausgedehnte Schuttflanken helfen Schneeflecken, die derzeit nur hilfreich sind - nirgends auf Weg Winterausrüstung mehr nötig. Nach gut anderthalb Stunden bequemen Abstiegs erreichte ich volles und lebhaftes Karwendelhaus, das mit Lage in attraktiver Umgebung des zentralen Karwendels viele Wanderer und Radfahrer anzieht. Gegen Abend wich heißes trockenes Wetter ganztägigem Gewitter. Tag 4: Karwendelhaus - Karwendelbrücke (ca. 1000 m) - Scharnitz (964) und Rückfahrt per Zug nach Innsbruck Der abschließende, absteigende Querungstag begann trüb mit starken Regenschauern, die - nach Hüttner, Signal in dieser Landschaft fehlt - bis 13 Uhr dauern sollten, daher verzichtete ich auf kurzen Morgenaufstieg zum Hausgipfel der Hütte Hochalmkreuz und schlenderte langsam talwärts; bald bereute ich Letzteres, da es gleich nach Abfahrt aufklarte, Wolken weniger wurden. Aber dennoch! Abstieg nach Scharnitz lang und ausgedehnt, doch wegen einladender Landschaft mit vielen Wasserformen (und an Tag des Referendumserfolgs in Slowenien) recht unterhaltsam. Stets auf guter Schotterstraße, Höheverlust ganz allmählich, ideal zum Radfahren - viele vorbeirauschende Radler bezeugten das. Eine Stunde vor Scharnitz bog ich auf engen Pfad über malerischem Isar-Canyon ab, der etwas höher im Karwendel entspringt, zum sympathischen Touristenort Scharnitz nahe österreichisch-deutscher Grenze gelangte ich über angenehmen Spazierweg über der Ache. Nach Stärkung beim alten Rock'n'Roll-Mühl gab's per Zug Rückkehr ins knapp Stunde entfernte Innsbruck, abends EM-Finale geschaut und nächsten Tag zum Dreitausender Nederkogl in Ötztaler Alpen aufgebrochen - darüber im nächsten Bericht. Fazit: Querung des zentralen Karwendels ambitioniert und bei optimalen Bedingungen schöne Tour in außergewöhnlicher Umgebung, die ich allen empfehle, die bei Tiroler Gipfeln nicht nur mächtige Dreitausender und extreme Klettersteige suchen.
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