Beschreibung des Lawinenüberlebenden. An der Kot 1776. Am Heiligen Abend befahl man uns höchste Vorsicht, doch die Soldaten konnten sich trotzdem die Schuhe ausziehen. Der Feind lenkte schweres Artilleriefeuer auf unsere Kot, das wiederholt Schneelawinen auslöste, die sich mit kleineren Lawinen auf unseren Stellungen türmten. Um zehn Uhr änderte sich das Wetter plötzlich. Plötzlich fing es heftig zu schneien an. Der Schneefall verdeckte den sternenklaren Himmel, Schneemassen begruben uns. In diesem Chaos im Schneesturm, Heulen und Pfeifen des Sturms, blitzten plötzlich Blitze auf, denen sofort ohne Unterlass Donnerschläge folgten. Telefonleitungen rissen. Aus Gewehrläufen, Handgranaten flogen Funken. Elmsfeuer. Es erforderte Mühe, viele tapfere Burschen zu beruhigen und die harmlose Lage zu erklären. Sie hatten Angst und wären am liebsten aus dem Schutz in die stürmische Nacht gesprungen. Dennoch schuhen wir alle ein, knöpften Blusen zu und viele zogen Mäntel an. Kurz nach 23:30 hörten wir wieder Brausen und Rauschen. Bevor wir uns versahen und rufen konnten, umgab uns grauenvolles Heulen und Stöhnen. In einer Sekunde verabschiedeten sich viele Kampfkameraden für immer aus den Reihen der 2. Kompanie. Mein Schutz war in einer Felsenhöhle. Die Lawinenmasse drückte sie zuerst zusammen und platt, dann zog es mich in die Tiefe. Mitten im Heulen, Pfeifen und Ächzen fühlte es sich an, als wäre mir das Gesicht in den Nacken gedreht. Ich spürte scharfe Kälte, hörte einzelne Schreie der Kameraden. Dann senkte sich Gewicht auf meine Brust und die Kruste nahm mir den Atem. Ich verlor das Bewusstsein, alles war vorbei. Bald kam ich wieder zu mir. Ich erwachte in einem eisigen Grab. Ich hörte mich selbst atmen, mein Herz schlagen. Ich spürte mein Gesicht wieder richtig. Ich lag auf dem Rücken. Ich atmete ruckartig und krampfhaft. Mein Körper war gequetscht, Arme steif auf dem Rücken. Trotz entsetzlicher Kälte in den Beinen versuchte ich sie automatisch zu bewegen. Ich drückte und hackte, Todesangst gab mir übermenschliche Kraft. Ich ruderte mit Armen und Beinen in der Kälte und sah den Sternenhimmel. Vom Blitzen keine Spur mehr. Donner und Schneetreiben verschwunden. Ich war frei und gerettet. Sogar meine Armbanduhr lief. Auf dem leuchtenden Zifferblatt zeigte sie genau 23:50. Also noch nicht Mitternacht. Erst dann wurden wir uns wirklich bewusst, dass wir überlebt hatten, und stürzten uns in die Arbeit. Wir weinten und beteten, gruben und retteten. Kaum jemand hatte Handschuhe, niemand Mäntel. Manche barfuß. Glücklicherweise hatten sie dicke Socken oder Gamaschen. Bei minus 25 Grad Frost hoben wir mit übernatürlicher Kraft ohne Werkzeug Stützen, Eisenverstrebungen und Steine an und lockerten sie. Dann erreichten wir das Werkzeuglager, das auch die Lawine zugedeckt hatte. Danach war es leichter. Aus der Kaverne gruben wir den Arzt aus. Er lebte und wir schrien vor Freude. Wir fanden auch Signallichter und riefen um Hilfe. Der weiße Tod forderte 58 tapfere Männer. 40 waren schwerer oder leichter verletzt. Und viele starben später an den Folgen. Unten in Lepena, am Fuß der Stellungen, die unser Regiment mit so vielen Opfern verteidigte, entstand ein Friedhof, wo die Begrabenen bestattet wurden.