| turbo31. 08. 2018 05:52:43 |
Der Rablsee ist heuer wieder warm und nach der Tour schwimmen viele gerne darin. Auch der Gorißer Nachtigall kannte ihn und dichtete ihm ein wunderbares Gedicht: Sieh, der See dunkel inmitten Berggipfel, sieh stürmische Seewellen und hör im Brausen, Rauschen der Wellen diese hohl schallenden Stimmen! Woher ertönt dieses hohle Läuten, wenn der Sturmhauch die Wellen treibt? Und wo ist dieses Haus auf dem Schotter ringsum von Wellen umgeben? Wo der See heute grün liegt und dunkle Wellen verschüttet, stand dort einst ein Dorf in alten Tagen, Dorf und Weide und Acker. Und klarer Bach, laut rauschend, umwand das Dorf wie ein silbernes Band, goss das blühende Feld, dass es trieb, besser trug. Schön, o schön war dieses Dorf gewesen, und hold wahrhaftig und reich, doch das Volk, o Volk war hart, gefühllos, böse, gottlos. Vergebens an deren Türen der arme Gequälte, vergebens pochte des Schmerzes Kind, Linderung, Heilung für Schmerzen, für die Starren fand nie! — Hinter Bergen versank die goldne Sonne, und Nacht bildet sich schon aus Dämmer; auf engem Pfad tritt noch jemand, langsam zum Dorf schreitet. Unbekannte Frau, Gott weiß woher, brachten müde Schritte sie hierher, und dem Weibe das Kind kindlich schmiegt sich in weichen Schoß. Diese Mutter sieht aus wie arme Leute, doch schön im Flor des Lebens; Unschuld aus hellen Augen strahlt, vom Antlitz Güte, Milde. Und zartes Kind, o junges Kind, wie war es lieb und schön, so lieb und so hold, als hätt's der Himmel gesandt! "Gottes Freunde, möge guter Vater euch lange glücklich leben lassen; o, erbarmt euch unser, armer Waisen, die wir allein, allein auf Erden! Drauss ist schon finster und Wind und Frost, lasst heut Nacht hier bei euch ruhn: wer Bettler unter Dach nimmt, Himmel lohnt ihn reichlich." Von Schwelle zu Schwelle mit Tränen in Augen bittet um nächtliches Lager; doch hier bei diesen gefühllosen Leuten sucht vergeblich Barmherzigkeit: "Besser seid ihr nicht, geht anderswohin, für beide nicht geräumig dies Haus!" Damit jagt sie jeder aus dem Haus, und viele fügen Flüche bei. Schon ausser Dorf, schon auf Feld steht sie, in Kälte, Finsternis, ohne Haus — erschüttert eisiger Hauch die Knochen, und die Arme zum Himmel seufzt; "Oh, Vater im Himmel, du Vater der Waisen, verbirg uns unter deines mächt'gen Flügels, Liebe floh aus der Welt, gefühllose Menschen wie Fels. Ich verdien' es vielleicht, klagen darf nicht, dass sie mich aus der Stätte jagen; doch Kind, was hast du getan, weiss nicht, dass Volk dich so verfolgt! Du unschuldig, engelhaft Wesen, betrübt nie jemand; und doch, Waischen, dich stiessen sie auch von sich. Wo find' ich dir Nestchen, Vögelchen mein, wo will ich dir weich bereiten? Doch, Herzchen liebster, fürcht dich nicht, liebende Mutter bewacht dich! Wiegen im Arm schön werd' ich dich und wärmen mit atmendem sorgsam, dass Frost nur dich schont, mich aber lass erfrieren!" Worte erstickt tiefer Seufzer sie, Herz schmilzt ihr in Trauer, übers Gesicht strömt Tränentorrent, doch nicht nur Tropfen fällt. Tränen der Armen ja schwere Tränen, weh dir, unbarmherziges Volk, weh! Träne, die Waise vergiesst, zum Himmel für Strafe saugt! Schon will sie sich zur Erde schleppen, doch - sieh! was leuchtet dort in Nähe? Dort einsames Haus ist, Mutter zu ihm und in Hoffnung und Furcht wendet. Wer dort wohnt? Darf hoffen, dass dort menschliche Menschen leben? Wenn Haus auch dieses sie scheucht, dann Hoffnung nimmer. Klopft. — Grauer Greis entriegelt ihr die Tür, die flackerndes Licht bestrahlt; Kinder ruhn auf Stroh dort, Armut herrscht hier und Not. "Zuflucht find' ich Waise nirgends, jagen mich überall wie wildes Tier, o, gebt, wenigstens ihr nicht jagt von eurer milden mich weg!" "Nur herein, nur herein Mutter und Sohn tretet ein, ruht mit uns; im Haus keine Schurken noch weiche Kissen, ruht mit uns auf Stroh!" Zur guten Familie legen sie sich nun, über ihnen schwebt himmlischer Wächter und Haus, wo Fremde ruht, unter seine Fittiche deckt. — Hör, drauss tobt wild der Sturm, vom Himmel giesst sich Fluten, Glut auf Glut und Schlag auf Schlag, nahte sich Gerichtstag? Und nun, o Graus, zertrümmernder Erdstoß! Getöse, Grollen von steilen Himmeln furchtbar und schrecklich hallt — was wird, was wird daraus! Verschwieg der Sturm und Tag bricht an, und Hütte schliesst Greis auf; verschwunden Fremde vor der Dämmerung — doch wo ist's schöne Dorf? Kein Haus, kein Turm, kein Kirchlein, wo Dorf lag, See liegt; allein kleines Häuschen auf trockenem Schotter blieb... Noch heut steht dies Haus auf Schotter, Zeuge jenes grausen Abends; alles andre wie in tiefem Grab liegt tot unter Seewellen; nur bisweilen, wenn Wind Wellen treibt, jammert ertrunkne Glocke... Träne, die Waise vergoss, vom Himmel Strafe erlöste! Simon Gregorčič, Rablsee
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