| pg21. 06. 2020 22:58:55 |
An einem freien Samstag bin ich mit Kolleginnen und Kollegen zum für die Gruppe heiß erwarteten „(hohen) Altar Tirols“ aufgebrochen, einer der am schönsten geformten sowie am häufigsten bewunderten und besuchten Erhebungen rund um Innsbruck. Serles ist ein unverzichtbarer Teil der Innsbrucker Vedute, der Aufstieg dorthin ist nicht allzu anspruchsvoll, von Marie Waldrast aus auch relativ kurz. Sofort lohnt es sich, auf die Problematik der österreichischen Schwierigkeitsangabe von Wegen hinzuweisen: Sowohl Serles als auch Lämpermahdspitze sind etwa mit schwarzem Schild (anspruchsvoll/sehr anspruchsvoll) markiert, doch zwischen den Aufstiegen besteht ein diametraler Unterschied: Der Anstieg zum Serles ist höchstens teilweise anspruchsvoll mit kurzen gesicherten Abschnitten, der ansonsten kurze Aufstieg zur Lämpermahdspitze ist jedoch ein recht ernstzunehmendes ungesichertes Gratüberschreiten mit luftigen Kletterstellen im Rahmen I. Von der hochgelegenen Wallfahrtsstation und dem Kloster Maria Waldrast waren wir schnell am Serlesjöchl unter der Gipfelaufbau des Serles, d.h. am Abzweig der Wege von Marie Waldrast und Kampl im Stubaital. Weg ohne Besonderheiten, die Bedingungen waren aber unangenehm, denn trotz vielversprechender Vorhersagen wollte sich die niedrige Bewölkung partout nicht auflösen, wegen der Kälte hätte es sogar kräftig schneien können. Der Schlussteil zum Serles ist relativ unkompliziert – zunächst steigen wir mit Hilfe von Sicherungen (Leitern, Drahtseil) auf, höher windet sich der Weg in Serpentinen über den Schuttkegelhang. Kurz vor dem Gipfel muss ein kurzer Schritt überwunden werden (teilweise anspruchsvoll), bis zum geräumigen Gipfel mit großem Kreuz folgt nur noch ein Spaziergang über den breiten Grat. Leider waren wir bei den Ausblicken meist benachteiligt, doch in Momenten, in denen sich der Himmel leicht öffnete, ließ sich erahnen, warum Serles als einer der schönsten Aussichtspunkte in den Ostalpen gilt. Sonst liegt etwas Neuschnee auf dem Weg, verursacht aber keine Probleme. Relativ früh waren wir zurück am Serlesjöchl und obwohl es leicht schneite, sah es nach Wetterbesserung aus. Erst am Tag vor dem Aufstieg hatte ich einen verlockenden Zugang zu einem weniger bekannten Gipfel nahe Serles entdeckt, der vom Joch in unter einer Stunde erreichbar sein sollte – Beschreibungen warnten jedoch vor der Exposition des Grats und einem anspruchsvollen Kamin, der mit II+ bewertet sein sollte (ich sage gleich: davon keine Spur). Gemeinsam stiegen wir über Schneereste und eine kurze Felsstufe (I) zum grasbewachsenen Vorberg vor dem Gratanfang auf. Dort machte sich die Gruppe langsam auf den Weg talwärts, ich nahm den Nordgrat in Angriff, der zunächst recht wagemutig gezähnt wirkte. Das Grätüberschreiten zum Lämpermahdspitze erwies sich als anspruchsvoll und stellenweise exponiert, aber durch elegant geführten Weg nicht übermäßig schwierig. Das größte Problem ist die Bröseligkeit des Geländes, das über Abstürzen führt. Auf dem Weg gibt es mehrere Kletterstellen I. Grades an Gratkanten und Gipfelaufbau, höher kann ich nichts bewerten. Der berühmte Kamin ist eigentlich nur ein schmaler Durchgang (Gehen), ziemlich unnötig steht dort auch die einzige Sicherung am Weg. Der Weg ist ansonsten hervorragend markiert und bietet bei gutem Wetter außergewöhnliche Gratblicke. Am Gipfel öffnete sich der Himmel und die Mühe wurde mit prächtiger Rundumsicht belohnt. Nach dem Abstieg vom Grat verkürzte ich den Talweg durch Schuttfahren, die Blicke wurden immer schöner. Serles, der unter den „7 Gipfeln des Stubais“ wohl der meistbesuchte und begehrteste ist – wie könnte es anders sein, hat er doch eine fast mythische Rolle in der Entwicklung des Alpinismus in Innsbruck, der erste bekannte Aufstieg datiert auf 1579 – ist eine Tour, die für jeden geeignet ist, der mit dem Hochgebirge zumindest etwas vertraut ist. Obwohl er in der Höhe nur wenig hinter z.B. Triglav und Škrlatica zurückbleibt, ist der Aufstieg deutlich weniger großspurig bzw. anspruchsvoll. Der Nordgrat des Lämpermahdspitze ist andererseits ein ernsthafter Aufstieg, der gewisse Kletterfähigkeiten und Höhenmut erfordert – bei uns wäre so ein Weg wohl gesichert oder als „sehr anspruchsvoller unmarkierter Weg“ geblieben – der Grat ist ansonsten exzellent markiert. Auf dem Weg gibt es eine unangenehme Schneefeldquerung, die aber mit etwas Vorsicht problemlos machbar ist, alternativ gibt es die anstrengendere Variante über Schutt darunter. Bis bald!
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