Alles oder nichts - neue Erstbegehung...
17.07.2017
Alles oder nichts - neue Erstbegehungsriss von Česen, Novak und Prezelj im Himalaya.
Aleš Česen (Alpski gorniški klub), Urban Novak und Marko Prezelj (beide AO PD Kamnik) stiegen im Juni im indischen Himalaya auf Arjuna (6250 m) auf, was der zweite Aufstieg auf den Hauptgipfel dieses Sechstausenders und der erste im alpinen Stil war. Die neue 1400 Meter extrem schwierige Route in der Westwand von Arjuna nannten sie Alles oder nichts und bewerteten sie mit ED+, was der erhöhte höchste Grad der französischen Sechs-Stufen-Skala ist. Mitglieder der alpinistischen Expedition Kijaj Nullah 2017, die auch von der Planinska zveza Slovenije unterstützt wurde, akklimatisierten sich durch den Aufstieg auf eine anspruchsvolle neue Route zum Gipfel von P6013 (6038 m).
Slowenische Spitzenalpinisten kehren seit einigen Jahren in den indischen Bereich der sogenannten Kishtwar-Himalaya zurück. Aleš Česen, Luka Lindič und Marko Prezelj stiegen im September 2014 eine Erstbegehung in der Nordwand von Hagshu (6657 m) an, im Oktober 2015 gelang Prezelj, Urban Novak, Hayden Kennedy und Manu Pellissier als Erstem die Ostwand von Cerro Kishtwar (6173 m); beide Aufstiege wurden mit dem höchsten internationalen alpinistischen Preis, dem Goldenen Eisengerät, ausgezeichnet. In diesem Jahr gelang dem slowenischen Team Česen-Novak-Prezelj erneut ein alpinistisches Meisterstück, ein neuer Riss in der Westwand von Arjuna (6250 m). „Nach Schwierigkeit platziere ich den Aufstieg auf Arjuna höher als Hagshu. Klettertechnisch gab es auf Arjuna mehr schwierige Meter, insgesamt ist die Tour jedoch etwas weniger komplex als Cerro Kishtwar, da der Verlauf der Route von Anfang bis Ende klar ist und entsprechende Zweifel das Denken beim Klettern nicht belasten. Die objektive Exposition war im Vergleich zu Hagshu und Cerro Kishtwar höher, und auch die günstigen Bedingungen zum Klettern zerbröselten uns diesmal buchstäblich unter den Füßen“, vergleicht Marko Prezelj (AO PD Kamnik) die Aufstiege.
Das Trio brach Ende Mai in die Kishtwar-Himalaya auf, und für den Erfolg dieser Expedition war die Aufklärung des Vorjahres durch die beiden Kamniker entscheidend. Während eines guten Monats Aufenthalt im Basislager im Kijaj-Nullah-Tal und in den Wänden darüber gönnte das Wetter ihnen nur sechs Regentage-freie Tage, die sie hervorragend nutzten und für ihre Ausdauer belohnt wurden. In den ersten beiden Tagen akklimatisierten sie sich durch eine anspruchsvolle neue Route auf P6013 (6038 m), wo vor ihnen nur polnische Alpinisten 1979 auf dem Gipfel standen. Im nächsten Wetterfenster, das drei Tage dauerte, gelang ihnen der schwierige Erstaufstieg in der Westwand von Arjuna (6250 m), den sie Alles oder nichts nannten; die 1400 Meter gemischte Route bewerteten sie mit ED+ (extrêmement difficile supérieur = äußerst schwierig), mit dem erhöhten höchsten Grad der französischen Sechs-Stufen-Skala.
„Im unteren Teil kletterten wir ungesichert in guten Schnee-Eis-Bedingungen. Am ersten Tag stiegen wir noch sechs Seillängen gemischtes Gelände hoch, wo gelegentliche Lawinen uns die Nerven raubten. Wir biwakkierten rechts vom Hauptgully, unter dem schwierigsten Teil der Route. Am nächsten Tag kletterten wir drei schwere gemischte Seillängen, eine Eis-SL und bis spät in die Nacht weitere sieben Schneeseillängen. Wir biwakkierten drei Seillängen unter dem Grat. Den Gipfel erreichten wir am nächsten Tag gegen Mittag und seilten am selben Tag an der Aufstiegsroute ab. GPS zeigte auf dem Hauptgipfel von Arjuna 6250 Meter an. Das war der zweite Aufstieg auf den Hauptgipfel, der erste im alpinen Stil“, fasst Expeditionsleiter Urban Novak (AO PD Kamnik) die epischen Tage vom 16. bis 18. Juni 2017 zusammen.
Nach einem Tag anspruchsvollem Klettern, geprägt von Schneelawinen, und der ersten Nacht in der Wand wartete auf die Alpinisten der anspruchsvollste Teil des Aufstiegs. „Die nächsten drei Seillängen sind der Schlüssel der Route. Vollkommen senkrecht, stellenweise überhängend pilziger gemischter Fels kostete uns volle acht Stunden aktives Klettern. Wir waren auch langsam wegen des endlosen Wegschaufelns angesammelten unbrauchbaren Schnees. Ich erinnere mich nicht, jemals so schwere gemischte Seillängen in solcher Höhe geklettert zu haben. Jeder Meter war ein Kampf für sich. Es folgte eine Reihe von Eisseillängen in etwas weniger steilen Verhältnissen. Normalerweise würde ein erfahrener Alpinist sie ohne große Probleme meistern. In unserem Fall müssen wir zugeben, dass wir physisch bereits stark angeschlagen waren, und obendrauf waren die Spitzen unserer Steigeisen und Eispickel alles andere als Spitzen. Granitfelsen war leider noch nie schonend mit Stahl. Während uns ein Sturm überholt und die finstere Nacht uns erwischt, findet Urban im schwachen Schein der Lampe einen Platz für den Biwak. Wieder biwakieren wir ohne Zelt, aber glücklich, weil das Wetter sich gebessert hat und wir wussten, dass der schwierigere Teil der Route hinter uns lag“, schrieb Aleš Česen (Alpski gorniški klub) im Bericht der Expedition Kijaj Nullah 2017.
Das Gebiet oberhalb des Kijaj-Nullah-Tals ist alpinistisch noch weitgehend unerforscht. Motivation und Inspiration für die slowenischen Alpinisten waren die polnischen Aufstiege der 1980er in der Westwand von Arjuna, die auch nach heutigen Maßstäben als alpinistische Meisterleistungen gelten. 1983 stiegen Tomasz Bende und Przemyslaw Piasecki im alpinen Stil über die Westwand zum Südgipfel von Arjuna auf. Im selben Jahr stiegen Miroslaw Dasal, Jerzy Barszczewski und Zbigniew Skierski über die Westwand von Arjuna zu ihrem Hauptgipfel auf. Der slowenische Ansatz von Česen, Novak und Prezelj ist somit der zweite Aufstieg auf den Hauptgipfel dieses Sechstausenders und der erste im alpinen Stil, ohne feste Seile, Hochlager und Zusatzsauerstoff.
„Die diesjährige Expedition ins Tal unter Arjuna war erlebnismäßig extrem intensiv. Urban und ich kannten den Weg zum Basecamp und die Umgebung selbst, was eine Erleichterung und zugleich einen eigenen Druck darstellte. Wir wussten, dass es auf Arjuna kein Trostziel gab. Die hohe und steile Wand zeigt einen charakteristischen gemischten Riss vom Fuß bis zum Gipfel. Der größte Unterschied zu den vorherigen Expeditionen in dieses Gebiet liegt darin, dass wir diesmal mit definierten Erwartungen ins Basecamp kamen, die kein zielfreies Entspannen begünstigen. Ungünstige Wetterverhältnisse zwangen uns, bis zur letzten Stunde die Zeit für das Klettern der gewählten Route und sicheren Abstieg ins Basecamp zu nutzen. Ein so präziser Zeitnutzen für die Durchsteigung ist mir in dreißig Jahren Expeditionsgeschichte noch nicht passiert. Vielleicht haben all diese Jahre Erfahrung dazu beigetragen, aber genau diese Erfahrungen sagen mir, dass wir im unsicheren Spiel den Hauptgewinn gemacht haben – wir sprachen davon, dass die Stimmung ähnlich war wie ein beim Tarock angesagter erfolgreicher Valat mit durchschnittlichen Karten“, schließt Prezelj, der erfahrenste Expeditionsmitglied, und fügt hinzu: „Es war eine besondere Freude, das Expeditionsfieber mit Alpinisten zu teilen, die führende Vertreter ihrer Generation sind.“