An der Grenze, Schmuggelgeschichten von Iztok Tomazin
3.12.2021
An der Grenze, Schmuggel- und andere Grenzgeschichten von den Karawanken bis zum Himalaya, die Iztok Tomazin in seinem Buch meisterhaft zu Worte gefasst hat, erscheinen in der Zeit der Corona-Einschränkungen, Flüchtlings- und Migrationskrisen sowie anderer gesellschaftlicher Veränderungen besonders aktuell, während der Pionier des Free Climbing in Slowenien, Alpinist und Himalaya-Besteiger, Bergretter und Arzt in seinem kürzlich erschienenen Buch Chronist seiner eigenen und einiger fremder illegaler Überschreitungen geographischer Grenzen sowie der Erforschung und Überschreitung persönlicher Grenzen und Einschränkungen ist.
An der Grenze, eine Sammlung von Schmuggel- und anderen Grenzgeschichten von den Karawanken bis zum Himalaya, ist ein Bergsportbuch, überschreitet jedoch inhaltlich und genrebezogen Grenzen. „Es handelt sich um reiche, wortlich festgehaltene und mit authentischem Fotomaterial ausgestattete Erinnerungen, die heute in der Zeit der Flüchtlings- und Migrationskrisen sowie anderer aktueller gesellschaftlicher Veränderungen wieder sehr aktuell sind und an Schmuggel und andere mit stark bewachten zwischenstaatlichen Grenzen verbundene Erinnerungen erinnern. Auf persönlicher Ebene ging es vor allem um eine aufregende Verflechtung des bergsportlichen Abenteuertums eines jungen Alpinisten, um den Widerstand gegen gesetzliche und andere Einschränkungen sowie den staatlichen Repressionsapparat, um die Verletzung aufgezwungener zwischenstaatlicher Grenzen und um gefährliche, aber erfüllende Erkundung und Überschreitung persönlicher Grenzen und Einschränkungen“, betont Iztok Tomazin zum Bucherscheinen.
Historisch gesehen lassen sich zwischen Schmuggel und Bergsport mehrere Parallelen finden, da Schmuggler neben Wilderern in vielen Gegenden die besten Kenner der Berge waren. Im ehemaligen Jugoslawien, wo im Norden entlang der Gipfel der Karawanken, Tomazins Heimatberge, eine gut kontrollierte und stark bewachte Grenze zu Österreich verlief, hat er selbst durch illegale Grenzüberschreitungen in beide Richtungen reiche Erfahrungen und eine Fülle interessanter, aufregender Erinnerungen gesammelt: „Äußerlich war ich zumindest ein mustergültiger Bürger, zuerst musterschüler der Oberschule und später erfolgreicher Medizinstudent, in den letzten Jahren vor dem Zerfall Jugoslawiens schon junger Arzt. Wenn man ein begeisterter Alpinist ist und eine geschlossene und stark bewachte Staatsgrenze entlang der Gipfel der eigenen geliebten Berge verläuft, ist die Motivation für illegale Grenzüberschreitungen noch größer, besonders wenn auf der verbotenen Seite dieser Berge noch unerforschte und unbestiegene Wände und Grate neue Möglichkeiten für Aufstiege und Erlebnisse bieten. Wenn man Nützliches mit Angenehmem verbinden kann, also die Fähigkeiten und Freude des Alpinisten am Aufenthalt in den Bergen mit dem materiellen und anderem Nutzen der geschmuggelten Waren und der zusätzlichen Freude, sich in zumindest manchen Dingen nicht von den Behörden einschränken zu lassen, umso besser. So war es vom Anfang bis zum Ende meiner grenzbezogenen ‚Karriere‘, die im Heimatland nach der slowenischen Unabhängigkeit endete, sich aber in den höchsten Bergen der Welt fortsetzte.“
Das Buch An der Grenze besteht aus drei Abschnitten von Geschichten. Im einleitenden schreibt Tomazin ein Dutzend literarisch gestalteter historischer tragischer Grenzerzählungen von Jesenice und Tržič bis Jezersko, im zweiten und dritten Teil beschreibt er zahlreiche persönliche Schmuggelgeschichten – zuerst aus seinen heimischen Karawanken mit seinen nächtlichen Schmuggelabenteuern über den Grat von Košuta, Vrtača und Begunjščica, dann aus fremden Bergregionen, vom türkischen Ararat und tibetischen Kailash bis zum Himalaya, wo er als Arzt alpinistischer Expeditionen mit gefährlichen Medikamenten oft auf der dünnen Linie zwischen Erlaubtem und Verbotenem stand und die tragische indo-pakistanische Himalaya-Krieg sowie das Schicksal tibetischer Flüchtlinge, die aus dem besetzten Tibet über den Himalaya nach Süden fliehen, hautnah erlebte. „Schmuggel-Touren waren eine mir auf den Leib geschneiderte Herausforderung, da sie viel Engagement, Mut, gute Vorbereitung und bedachte, kühne Umsetzung erforderten. Der Reiz des Risikos und des Abenteuers war gleich wichtig oder wichtiger als der praktische Nutzen des erfolgreichen Schmuggels. Süß und reizend war nach jedem Schmuggel-Erfolg das Gefühl, die Behörden überlistet zu haben, die uns das Leben mit Einschränkungen der Bewegung in den Bergen und hohen Zöllen versüßten. Ich habe ‚gesiegt‘ im Aufeinandertreffen mit dem repressiven Teil des staatlichen Apparats, der mir den Übergang auf die andere Seite der Grenze erschwerte und den Import von Dingen behinderte, die ich für meine zahlreichen Aktivitäten brauchte.“
„Aus Sicherheitsgründen gegenüber Grenzern und unerwünschten zufälligen Zeugen wählte ich für meine illegalen Grenzüberschreitungen die schlechtesten Wetterbedingungen und anspruchsvollsten Gelände, was die Möglichkeit unerwünschter Begegnungen stark reduzierte. Am häufigsten schmuggelte ich nachts, bei Schneefall oder Regen oder zumindest im Nebel, über möglichst anspruchsvolles, kletterndes Gelände. Das erhöhte die Gefährdung und Schwierigkeit der Tour erheblich, reduzierte aber gleichzeitig wesentlich die Möglichkeit, vor den Läufen von Gewehren und Maschinengewehren zu landen. Die Einsätze waren hoch. Weniger materiell, obwohl ich auch recht teure Sachen schmuggelte. Der größte Einsatz war das Leben, letztlich auch die Freiheit, da ich bei Festnahme mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Gefängnis gekommen wäre“, sinniert Tomazin, der in jenen Jahren über die Karawanken mindestens eine kleine LKW-Ladung Ware geschmuggelt hat, meist für persönliche oder familiäre Bedürfnisse: mehrere Drachensegler, eine Menge Alpinistausrüstung für sich und Freunde, Computer, einige Haushaltsgeräte und Diasprojektoren, Fernseher, Hi-Fi-Geräte und natürlich Kaffee, den er mit Gewinn verkaufte, um Alpinist- und Fliegerausrüstung im Ausland zu kaufen. Es gab jedoch eine Grenze, die er beim Schmuggel nie überschritt – Schmuggel von Drogen, Tötungswaffen oder Menschen.
Iztok Tomazin ist Arzt, Berg- und Luftretter, Alpinist, Himalaya-Besteiger, Gleitflieger, Schriftsteller, Publizist und Dozent. Geboren 1960 in Kranj, lebt er in Križe bei Tržič. Trotz anspruchsvollem Medizinstudium und Arztberuf, den er mit Berg- und Hubschrauberrettung ergänzt, hat er in 47 Jahren über fünftausend alpinistische Aufstiege und Skifahrten absolviert, darunter zahlreiche Spitzenleistungen von heimischen Bergen bis Himalaya. Über vier Jahrzehnte ist er begeisterter Freiflugpilot mit außergewöhnlichen Erfolgen und Erlebnissen, im letzten Jahrzehnt vor allem Gleitsegler und BASE-Springer. Parallel hat er den jugendlichen Schreibwunsch verwirklicht – er hat Hunderte medizinischer und literarischer Artikel sowie acht Bücher verfasst, darunter den Gedichtband Suche nach Shambhala, für den der legendäre tibetische Führer Dalai Lama das Vorwort schrieb. Immer hat er Medizin den größten Zeit- und Energieaufwand gewidmet – er ist Facharzt für Haus- und Notfallmedizin, Master des öffentlichen Gesundheitswesens und Doktor der Notfallmedizin sowie Primarius. In den letzten zwei Jahrzehnten ist er auch Direktor des Gesundheitszentrums in seiner Heimat Tržič.
Ein Teil der Erzählung im Buch spielt in fremden Bergregionen, der Großteil ist mit der künstlichen Grenze entlang der natürlichen Grenze der Karawanken verbunden. Tomazin ist Chronist seiner eigenen sowie einiger fremder illegaler Überschreitungen dieser Grenze, immer im typischen bergigen Kontext. An der Grenze ist somit teilweise ein Bergsportbuch, überschreitet aber auch genrebezogen Grenzen, schreibt der Literaturtheoretiker und Tomazins Kletterpartner, Professor Tomo Virk im Begleittext: „Die autobiografisch geschriebene Erzählung im ausgereiften Stil vermischt sich mit Beschreibungen empathisch nachlebter fremder Abenteuer, dokumentarische Passagen mit rein fiktiver Fabulierung, Abenteuer-Gattung mit reflexiven und teils fast meditativen Auszügen, es fehlt nicht an gesellschaftskritischer Schärfe. Ein buntes Geflecht also, das auf seine Weise die Vielseitigkeit des Autors widerspiegelt und nicht nur Fans spannender Lektüre, sondern auch Literaturkenner sättigt. Aber nicht nur diese. Das Buch ist inmitten all dem noch eine eigene Philosophie, sogar eine Art Psychologie des Schmuggels bzw. des verbotenen Überschreitens offiziell abgesteckter Grenzen überhaupt. Tomazin legt vor dem Leser die konkreten gesellschaftlichen Gründe dafür dar, versucht zugleich durch Selbstbeobachtung auch tiefere innere, psychologische Impulse zu reflektieren, eine besondere Art von Erregung, die sein bergiges Schmuggeln begleitet und vielleicht kein ganz unwichtiger Nebenmotiv für solches Tun ist.“
„Schicksalhafter und gefährlicher als geographische sind die unsichtbaren, schwer fassbaren Grenzen in den Menschen, besonders bei denen mit Entscheidungsgewalt. Alle äußeren Grenzen und Einschränkungen gehen von ihnen aus. Die politischen Ereignisse in Europa in den letzten Jahrzehnten haben zumindest Europäern den Umgang mit zwischenstaatlichen Grenzen stark verändert, die im vereinten Europa durchlässiger, permeabler und mit wesentlich weniger Einschränkungen geworden sind. In der Geschichte war es nicht immer so. Leider sind wir aufgrund wachsender Nationalismen und Xenophobie in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wieder Zeugen von Grenzschließungen, Einschränkungen und Drohungen wie aus anderen Zeiten, von denen wir naiv gehofft hatten, sie seien unwiderruflich vorbei. Die Pandemie des SARS-COV-2-Virus hat ihren Teil beigetragen“, trifft Tomazin den gesellschaftlich-aktuellen Nagel auf den Kopf.
Eine Handvoll Tomazin-Geschichten ist auch Teil der zweisprachigen Ausstellung Schmuggel über die Karawanken, die im Rahmen des Projekts CarinthiJA 2020 in Zusammenarbeit mit dem Slovenischen Bildungsverein aus Klagenfurt, dem Slovenischen Bildungsverein Zarja aus Železna Kapla, dem Zentrum Rinka – Institut für Tourismus und nachhaltige Entwicklung Solčava, dem Kultur- und Künstlerverein Jezersko und dem Tržič-Museum entstanden ist. Die Ausstellung wurde am 5. November im Forum Zarja in Železna Kapla eröffnet, wo sie bis 31. Januar 2022 zu sehen ist, in Tržič wird sie vom 5. bis 27. Mai 2022 zu Gast sein, sie wird auch in Solčava und Jezersko ausgestellt.