Der Goldene Eispickel zum siebten Mal in den Händen slowenischer Alpinisten
23.03.2016
Zu den diesjährigen Empfängern des Goldenen Eispickels, der weltweit höchsten Auszeichnung für alpinistische Leistungen, gehören auch die slowenischen Alpinisten Urban Novak und Marko Prezelj, die zusammen mit Hayden Kennedy und Manu Pellissier im vergangenen Oktober eine Erstbegehung an der imposanten 6173 Meter hohen Cerro Kishtwar in Indien durchstiegen. Dies ist bereits der siebte Goldene Eispickel für Slowenien in der 24-jährigen Geschichte der Auszeichnung für den herausragendsten alpinistischen Aufstieg. Die internationale Jury wird im April noch zwei Aufstiege im nepalesischen Himalaya und einen in Patagonien auszeichnen. Die Auszeichnung für das Lebenswerk im Alpinismus geht in diesem Jahr an den Polen Voytek Kurtyka, Prezelj wird der erste Alpinist der Welt mit dem vierten Goldenen Eispickel.
Die internationale alpinistische Expedition Kishtwar 2015, bestehend aus den Slowenen Urban Novak und Marko Prezelj (beide vom AO PD Kamnik), dem Amerikaner Hayden Kennedy und dem Franzosen Manu Pellissier, gelang es zwischen dem 5. und 8. Oktober 2015 als Erste, die anspruchsvolle Ostwand des Cerro Kishtwar, eines markanten Gipfels im indischen Kaschmir, zu durchsteigen. Der technisch extrem anspruchsvolle Aufstieg, bewertet mit ED+, der erhöhten höchsten Stufe der französischen Bewertungsskala, wurde von wechselhaftem Wetter und schwierigen Bedingungen geprägt, doch das slowenisch-amerikanisch-französische Seilschaft bezwang im Alpinkletterstil die 1200 Meter lange Erstbegehung Light before wisdom/Svetloba pred modrostjo in der Ostwand des Cerro Kishtwar (6173 m) und zur Akklimatisation eine anspruchsvolle Route entlang des Südkamms zum Chomochior (6278 m). „Der vier Tage dauernde Aufstieg in der Ostwand hat ihre Kräfte gründlich auf die Probe gestellt, weshalb sie den Routennamen Light before wisdom mit ED+ bewerteten. Der Aufstieg gehört sehr wahrscheinlich zu den besten alpinistischen Aufstiegen der Welt im Jahr 2015, weshalb er stark in der internationalen alpinistischen Öffentlichkeit widerhallte“, bestätigten die Worte der slowenischen Jury, die Novak und Prezelj im Januar dieses Jahres zu den erfolgreichsten Alpinisten des Jahres 2015 ernannt hat.
Die internationale Jury für den Goldenen Eispickel 2016, die die herausragendsten alpinistischen Aufstiege des Jahres 2015 ausgewählt hat, besteht aus neun Spitzenalpinisten aus aller Welt: Silvo Karo (Slowenien), Valerij Babanov (Russland), Hervé Barmasse (Italien), Seb Bohin (Frankreich), Simon Elias (Spanien), Yasuhiro Hanatani (Japan), Michael Kennedy (USA), Victor Saunders (Großbritannien) und Raphael Slawinsky (Kanada). „Handeln, Inspiration und Teilen“ wird der Slogan der 24. Vergabe der Goldenen Eispickel sein, die vom 14. bis 17. April 2016 im französischen Ort La Grave stattfindet und zunehmend festivalartige Dimensionen annimmt. „Ehrlich gesagt habe ich nicht darüber nachgedacht, welche Variable in der komplexen Gleichung für die Jury entscheidend war, um uns zu diesem Event einzuladen. Gerade weil alpinistische Aufstiege nicht objektiv bewertet werden können, finde ich es gut, dass sich das Ereignis langsam in – wie die Organisatoren es nennen – ein Festival verwandelt, was weniger wettbewerbsorientiert klingt und dem Begriff Alpinismus besser entspricht“, betont Expeditionsleiter Urban Novak.
Neben Novak, Prezelj, Kennedy und Pellissier erhalten den Goldenen Eispickel 2016 auch das ukrainische Team Nikita Balabanov und Mikhail Fomin für den Aufstieg auf Talung (7348 m, Nepal), die englischen Alpinisten Mick Fowler und Paul Ramsden für Gave Ding (6571 m, Nepal) sowie das französisch-amerikanisch-argentinische Team Lise Billon, Antoine Moineville, Jerome Sullivan und Diego Simari für Cerro Riso Patron (2550 m, Chile). Der diesjährige Preisträger für das Lebenswerk ist der renommierte Voytek Kurtyka, ein wahres Phänomen der Generation polnischer Alpinisten, die die Geschichte des Kletterns im Alpinkletterstil im Himalaya geprägt haben.
„Alpinismus spiegelt seit jeher auf seine Weise das Geschehen in der Gesellschaft wider. Der erhöhte Druck auf bekanntere Ziele zieht die Aufmerksamkeit auf sich und lenkt gleichzeitig die Aufmerksamkeit jener ab, die andere Herausforderungen suchen. In der allgemeinen Informationsflut ist es, eine gute Idee zu haben, daran zu glauben und sie ehrenhaft umzusetzen, im Grunde anspruchsvoller, als es demjenigen erscheint, der hauptsächlich routinemäßige Entscheidungen trifft. Vielleicht ist deswegen jetzt wieder der Erkunder-Alpinismus geschätzt, unter Berücksichtigung reinen Stils und respektvollen Umgangs mit dem Klettern“, überlegt Marko Prezelj, der im April der erste Alpinist der Welt werden wird, der den Goldenen Eispickel bereits zum vierten Mal erhält. Mit dem allerersten vergebenen Goldenen Eispickel ehrte die Fachöffentlichkeit 1992 Marko Prezelj und Andrej Štremfelj für den Aufstieg am Südpfeiler des Kangchenjunga (8476 m) im Vorjahr, 2007 erhielt Prezelj den Goldenen Eispickel zusammen mit Boris Lorenčič für eine Neubegehung im Pfeiler des Chomolhari (7326 m) im Jahr 2006 und letztes Jahr mit Aleš Česen und Luka Lindič für die Erstbegehung des Hagshu (6657 m) im Jahr 2014.
Prezelj, Spitzenalpinist, Bergführer, Fotograf und Leiter der SMAR (slowenische Jugend-Alpinisteam), setzt sich seit Langem für den Goldenen Eispickel als Festival im Sinne eines Treffens von Kletterern und nicht als Wettbewerb im Alpinismus ein. „Ich hoffe, dass Voytek Kurtyka die Bewertung alpinistischer Aufstiege endgültig in eine festivalartige Richtung lenkt. Angesichts dessen, dass er sich jahrelang diesem Event widersetzt hat und nun endlich die Einladung der Organisatoren angenommen hat, werde ich seinen Beitrag zum besprochenen Thema mit Interesse verfolgen. Voytek verkörpert und vertritt im Alpinismus aktiv Werte, denen es nicht einfach folgt, und kann sich entsprechend gut ausdrücken: Kannst du den Eindrücken armer Teufel trauen, die mit dem Fluch gequält werden? Kannst du dich am Bericht gefangener Bestien orientieren, deren Urteil auf einer anderen Ebene der Wahrnehmung wirkt? Meine Geste letztes Jahr mit den Geranien hat die Organisatoren offenbar zu einer neuen Kreation inspiriert...“ erinnert er daran, wie er bei der vergangenen Vergabe jedem Empfänger des Goldenen Eispickels eine Geranie als Symbol für Leidenschaft und angenehme, stachelige Erinnerungen überreichte, die sich früher oder später trocknen, und so das plastische Symbol von Eitelkeit, Arroganz, Prestige ausglich, das allen ehrgeizigen Wesen eigen ist.
Auf der erweiterten Liste von 52 Aufstiegen für den Goldenen Eispickel 2016 befanden sich neben dem Cerro Kishtwar noch vier Erstbegehungen slowenischer Alpinisten: am Chugimago (6258 m) von Luka Stražar und Matej Mučič im Nepal, Ri Pok Te (6210 m) von Anastazija Davidova und Matic Jošt in Indien, Pik Panfilovski Division von Miha Hauptman und Uroš Stanonik sowie Pik Carnovsky von Anže Jeršet, Miha Hauptman und Uroš Stanonik im Kirgisistan.
Die Geschichte des Goldenen Eispickels wurde maßgeblich von slowenischen Alpinisten geprägt, die in 24 Jahren Vergabe des höchsten alpinistischen Preises siebenmal ausgezeichnet wurden. Der erste vergebene Goldene Eispickel ging 1992 an Marko Prezelj und Andrej Štremfelj für die Erstbegehung am Südpfeiler des Kangchenjunga (8476 m). 1997 erhielten ihn Tomaž Humar und Vanja Furlan für eine neue Route in der Nordwestwand des Ama Dablam (6812 m) im Nepal. 2007 erhielt Marko Prezelj den Goldenen Eispickel bereits zum zweiten Mal, zusammen mit Boris Lorenčič für eine neue Route im Pfeiler des Chomolhari (7326 m); im selben Jahr erhielt Pavle Kozjek den Goldenen Eispickel nach Publikumswahl für die erste Solobesteigung des Cho Oyu (8201 m) und die Veröffentlichung eines Fotos vom Massaker an tibetischen Flüchtlingen am Nangpa La-Pass. 2012 erhielten Luka Stražar und Nejc Marčič den Goldenen Eispickel für die Route Träumer der Goldenen Höhlen am K7 West (6858 m) in Pakistan, 2015 Aleš Česen, Luka Lindič und Marko Prezelj für die Erstbegehung der Nordwand des Hagshu (6657 m) im indischen Himalaya.