Andrej Mašera
Extreme Klettersteige sind da
Im vergangenen September habe ich an dieser Stelle im Vorwort Gefährliche Selbsttäuschung über
die Bedeutung extremer (sportlicher, adrenalinreicher) Klettersteige nachgedacht, die sich in Österreich explosionsartig verbreitet haben, und die Möglichkeit vorhergesagt,
dass sie bald auch bei uns auftauchen werden. Es hat nicht lange gedauert! Eine Gruppe
engagierter Klettersteigbauer1 aus dem PD Vinska Gora bei Velenje hat in der nahen Wand der Gonžarjeva peč
einen extrem anspruchsvollen Sport-Klettersteig österreichischen Typs gebaut. Kletterrouten sind zwar das Thema
des Monats in dieser Ausgabe von PV, das Problem wird aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.
Das Problem, das ich im Zusammenhang mit der Gonžarjeva peč sehe, ist nicht der Bau eines solchen Klettersteigs, sondern liegt
woanders. Bei der Eröffnung des Weges haben sie einen Informationsaufkleber herausgegeben, auf dem der Verlauf der Route gezeichnet ist,
hinzugefügt einige Warnhinweise, die leider in ziemlich holprigem Slowenisch verfasst sind und ziemlich willkürlich
und inkonsistent ins Deutsche und Englische übersetzt. Darauf sehen wir auch, dass
die PZS die Patenschaft über den Weg übernommen hat und ihn unter ihre Übungspolygone aufgenommen hat.
Auf dem Aufkleber sind in einem besonderen Rahmen auch die Schwierigkeitsklassifikationen des Klettersteigs, die österreichische und im
Vergleich dazu unsere "eigene". Und – hier ist der Haken! Die österreichische Klassifikation, mit Großbuchstaben gekennzeichnet
(A, B, C … F und weiter) ist ausdrücklich auf Sport-Klettersteige kalibriert, da sie praktisch alle
klassischen Kletterwege in die Gruppen A und B einstuft. Stufe C bedeutet schon ernstzunehmendes Klettern in senkrechter
Wand, meist nur entlang des Stahlseils, mit wenigen Klammern und/oder Haken. Klettersteige, die österreichischen
Bewertungen ab D entsprechen würden, gibt es auf slowenischem Gebiet überhaupt nicht (natürlich Gonžarjeva peč mit D/E ausgenommen)!
Die parallele slowenische Klassifikation auf dem Aufkleber stuft Klettersteige A als "anspruchsvolle Wege" ein, B und C
als "sehr anspruchsvolle Wege", D–F aber als "GESICHERTER KLETTERWEG". Das ist aber etwas ganz Neues,
etwas, das in vollem Widerspruch zur offiziellen Klassifikation der Wanderwege steht, die die PZS
in unseren Bergen schon lange in gedruckten Führern und auch an Wegweisern durchsetzt.
Wenn wir uns schnell ins Gedächtnis rufen, stuft die PZS-Klassifikation Wanderwege als leichte, anspruchsvolle und
sehr anspruchsvolle ein. Alle Klettersteige fallen unabhängig von der Schwierigkeit in die sehr anspruchsvollen Wege. Und gerade
deswegen ist die offizielle PZS-Klassifikation sehr mangelhaft, weil sie Kletterwege nicht
nach Schwierigkeit differenziert, sondern sie alle in einen Sack stopft. Die Einbeziehung aller Klettersteige in die sehr anspruchsvollen
Wege führt manchmal zu solchem Absurdem, dass ein sehr anspruchsvoller markierter Weg ohne
Sicherungen nur als "anspruchsvoll" gekennzeichnet ist, ein gut gesicherter sonst einfacher Klettersteig voller
Eisen aber als "sehr anspruchsvoller Weg"! Die Erbauer des Klettersteigs auf Gonžarjeva peč waren zweifellos
der Mängel der aktuellen offiziellen Klassifikation von Wanderwegen bei uns bewusst und haben neben
der österreichischen auch einen Vorschlag für eine neue slowenische Klassifikation angeboten. Dabei haben sie unwillkürlich
totale Verwirrung angerichtet, da sie neben der falschen Einordnung anspruchsvoller und sehr anspruchsvoller Wege für
die schwierigsten Klettersteige den Begriff "gesicherter Kletterweg" eingeführt haben, was eine begriffliche Tautologie ist; der Name
impliziert, dass Wege der Schwierigkeit A bis C eigentlich nicht gesichert oder gar nicht klettertechnisch sind.
Für Kletterwege (auch österreichische von A bis F) sind Sicherungen die grundlegende Eigenschaft, die sie von
anderen Wegen in den Bergen unterscheidet. Besonders zu betonen, dass einige gesichert sind, ergibt keinen Sinn,
sondern verwirrt nur den Menschen.
Was die österreichische Klettersteig-Klassifikation betrifft, müssen wir feststellen, dass ihr Hauptmangel darin besteht
eine zu große Gruppe von Kletterwegen unterschiedlicher Schwierigkeit nur in zwei Gruppen unterzubringen
(A, B). Für die meisten Kletterwege in unseren Bergen ist diese Klassifikation objektiv unbrauchbar.
Vor vielen Jahren, als ich die erste Auflage des Führers zu slowenischen Klettersteigen schrieb, habe ich eine Klassifikation verwendet,
in die alle Kletterwege nach Schwierigkeit einsortiert werden können, die schrittweise und
gleichmäßig ansteigt (PP 1, 2, 3…), mit möglichen Zwischenschritten. Danach hat z.B. der Klettersteig
am Raduha PP 1 oder höchstens 2, der Kopiščarjeva-Weg am Prisojnik PP 4, der neue Klettersteig an der
Gonžarjeva peč PP 6 oder mehr. Die Unterschiede in der Schwierigkeit sind auf den ersten Blick klar, jeder kann sich
für den Aufstieg nach seinem Geschmack und seinen Fähigkeiten entscheiden.