Illimani (6439 m). Prestigioser Aufstieg auf den bolivianischen Riesen, 28. - 30. 5. 2025.
In letzter Zeit poste ich nicht viel (lies: gar nichts) auf dem Portal, und der Grund ist nicht Mangel an interessanten Routen – einfach bei Haufen Arbeit vergeht die Zeit blitzschnell und macht Aktuelles zum Vergangenen.
Diesmal lohnt sich eine Ausnahme. Nach dem erfolgreichen Durchbruch der magischen 5000er-Marke letztes Jahr im georgischen Kaukasus haben meine Partnerin und ich ein Ziel einen Schritt höher gesetzt und eine (Arbeits-)touristisch-bergsteigerische Reise nach Peru und Bolivien mit Aufstieg auf einen Sechstausender am Ende geplant. Basierend auf gesammelten Infos sollte die bekannte und beliebte Huayna Potosi (6088 m) am besten geeignet sein – an den berühmten Illimani, Champion der Cordillera Real, habe ich nicht mal gedacht. Aber plötzliche Änderungen sind manchmal äußerst willkommen.
Nach 11 Tagen Touristenstreunen und gleichzeitiger Akklimatisation an die dünnere Luft der Andenhöhen, wo wir einmal über fünftausend und mehrmals viertausend Meter überschritten haben, meist auf Höhen zwischen guten 3400 (Cusco) und 3870 m (Puno) verweilend, kam die Zeit für den Höhepunkt der Reise: Aufstieg auf einen der Sechstausender aus La Paz. Letzteres ist eine der bolivianischen Hauptstädte und Stadt, die mit ihrem weniger angesehenen historischen Schlafzimmer, dem nun unabhängigen millionenstarken El Alto, mit durchschnittlicher Höhe ab ca. 4050 m die höchstgelegene Großstadt der Welt, die zentrale Metropole des Andenhochlands bildet.
Bergsteigen ist in La Paz großes Geschäft; wenn im peruanischen Pendant Cusco das touristische Angebot primär an Entdeckung der Inka-Erbschaft und leichtere Bergspaziergänge gebunden ist, ist das deutlich chaotischere La Paz Ausgangspunkt für viele adrenalinreichere oder großartige Unternehmungen wie Abfahrt mit Mountainbike auf der „Straße des Todes“ oder Aufstiege auf Boliviens höchste Gipfel inklusive Sajama, Illimani, Illampu und schließlich Huayna Potosi. Letztere ist wegen Nähe zu La Paz, sechs dedizierten Bergheimen darunter sowie relativer Geradlinigkeit und Leichtigkeit des Anstiegs unzweifelhaft der populärste Sechstausender in der weiteren Umgebung, wenn nicht den ganzen Anden, und zahlreiche städtische Reiseagenturen konkurrieren darum, wer mehr Kunden auf den Gipfel bringt, die in Gruppen zu 15 Personen die Berg angehen, Gipfel erreicht angeblich an besten Tagen bis zu hundert Leute.
Uns hat es gar nicht gepasst, sich den geführten Massen anzuschließen, da wir volle Bergsteiger- und Expeditionsausrüstung dabei hatten, Logistik für eigenständigen Aufstieg war ziemlich kompliziert, Zeit für mehr als einen solchen Hochtourenausflug hatten wir nicht – und so fiel auf Basis von Vorschlägen lokaler Bergführer der Würfel auf ein deutlich ambitionierteres und prestigeträchtigere Ziel: Illimani, „Wächter von La Paz“, das im Hintergrund jedweder Panoramablick von La Paz und El Alto auftaucht, höchster Gipfel der Cordillera Real und nach Sajama zweithöchster Bolivien.
Unabhängig von Routenwahl ist der Aufstieg auf Pico Sur, den höchsten Gipfel der mächtigen Berg mit zahlreichen Ausläufern, ein anspruchsvolles und großartiges Vorhaben, das wegen Komplexität des Zufahrts (inkl. 5-stündiger Fahrt mit Geländewagen auf tödlich steilen notorisch zerstörten bolivianischen Straßen), Expeditionsanforderungen und Schwierigkeit des Schlussteils ohne lange Vorbereitungen praktisch unmöglich privat anzugehen; wie alle anderen mit dokumentierten Aufstiegen, die wir gehört oder getroffen haben, haben wir einen lokalen Führer in La Paz für den Aufstieg engagiert. Das ist für Europäer momentan wegen trauriger Verhältnisse und Finanzkrise in Bolivien besonders günstig, da Euro-Wert beim Wechsel mehr als verdoppelt; lohnt sich zu überlegen, zumindest Teil an arme lokale Gemeinschaft zurückzugeben. Im Unterschied zu großen Agenturen mit mehr Komfort, Trägern und vielfältiger Verpflegung haben wir kleine Familienagentur mit exzellentem Führer German gewählt, der sich mit Führungs-Erfahrung und Geländekenntnis bewährt hat; wegen hervorgehobener persönlicher Erfahrungen und Vor-Ausrüstung haben wir für zwei deutlich niedrigere Gebühr als üblich gezahlt, sonst gilt hier wie bei den meisten Geschäften in Bolivien das Gesetz des Straßenfeilschens.
Während sich täglich Massen auf Huayna Potosi ergießen, erlebt Illimani deutlich seltener einen Aufstieg, der unter Einheimischen als besonders prestigeträchtig gilt.
Zum Ausflug so: Die meisten entscheiden sich für 3- bis 4-tägige Pakete, wir für dreitägiges. Erster Tag nach langer Fahrt Akklimatisation im Basislager (ca. 4470 m), zweiter Tag allmählicher Aufstieg auf über 1000 m höheres Hochlager namens Kondorhorst (Nido de Cóndores; und nein, keine Kondore gesehen

). Aufstieg durch ziemlich vielfältiges Gelände meist leicht, nur letzter Teil steil mit etwas Gratklettern bis höherem I. Grad (wenn nicht wählerisch, berührt schlechtes II); letzteres vor allem problematisch wegen Gewicht der Rucksäcke mit Camping-Ausrüstung bei nennenswerter Höhe, aber beim Anblick geschickter CholitAs als Trägerinnen, die mit bescheidener Fußbekleidung große Lasten über Felsen klettern, ist extra Energie garantiert.
Das Hochlager liegt auf flacher Platte in Seitentalk mit ziemlich begrenztem Platz, der aber wegen relativ geringem Besuchs genug Raum für Zelte von Eifrigen bietet. Herumlaufen im Lager wegen Abstürzligkeit des Geländes und eisiger Oberfläche eingeschränkt, für sicheres Gehen nötig Steigeisen.
Gipfelaufstieg beginnt in frühen Morgen- - nächtlichen - Stunden des dritten Tags. Wir gestartet um ca. 1:15 bis 1 Uhr nachts nach knappen Ruhe mit nicht mehr als halber Stunde Schlaf in eiskalter Nacht, was sich im oberen Aufstiegsteil deutlich bemerkbar machte. Zuerst steil auf exponiert vereistem Grat, gefolgt von stellenweise noch luftiger Querung zum Westhang des höchsten Gipfels. Auf Gletscherterrain lenken, wo viel Vorsicht wegen Spalten nötig, und immer steiler sowie stellenweise exponiert das Hang hoch. Bei ca. 6200 m zum Schlüsselabschnitt, ca. 100 m hohem verschneitem Übergang bekannt als „Himmelsleiter“, der meist 45-50° erreicht; wir hatten Glück mit guten Bedingungen, bei magerer Verschneidung steigt Schwierigkeit hier erheblich, was schon zu vielen Unfällen geführt hat.
Nach Schlüssel leichterer Oberteil, wo aber Höhe und Erschöpfung nach langem Aufstieg schon stark spürbar; Partnerin hatte viel Probleme mit Akklimatisation und stieg nur bei Zureden von mir und Führer, mein Schritt trotz fehlender Atemnot wurde durch Schlafmangel und Höhe immer schwerer und mit wachsender Anstrengung haben wir uns nur langsam zum Gipfel geschleppt. Aufstieg dauert regulär 6 bis 9 Stunden; wir standen kurz nach Sonnenaufgang nach rund 6,5 Stunden Gehens als Ersteinstieger des Tages auf Gipfel. Trotz Erschöpfung und giftiger Kälte war das Gefühl auf dem absturzgefährdeten Gipfel bei unbeschreiblichen Ausblicken an klarem Tag überschwänglich. Auf Gipfel ca. halb Stunde verweilt. Schon stark geschafft habe ich dann vor der Gruppe in Zustand mürrischer Halbwachheit durch anspruchsvolles Gelände zum Hochlager geführt, das wir um 11 Uhr vormittags mit äußersten Anstrengungen erreichten; dazwischen begann Sonne auf vereisten Körpern zu brennen, was sie weiter schwächte und Schritt erschwerte. Nach nicht zu langem Aufenthalt Zelte abgebaut und zum Basiscamp aufgebrochen, ich noch immer in fast traumhaftem Zustand; Abstieg langanhaltend, aber problemlos. Zurück in La Paz und zu verdienten Bier in Abendstunden, Regeneration dauerte bis zum genussvollen Abstieg auf der Todesstraße als letztem Akt in Bolivien zwei Tage später.
Zum Schluss betone ich, wie aus dem Geschriebenen ersichtlich, dass es sich bei diesem Aufstieg um ein ernstes und großartiges Unterfangen handelt, das viel Erfahrung, Anpassungsfähigkeit und Vor-Akklimatisation erfordert, mindestens grundlegende Alpinkenntnisse nötig. Ideal vorab Huayna Potosi oder mindestens einen der leichteren Gipfel über 5300 m zu besteigen für Kennenlernen hochgebirgiger Verhältnisse und psychophysische Vorbereitung, zahlreiche davon (z.B. Chacaltaya oder Pico Austria) führen La-Paz-Touragenturen für bescheidene 10-25 Euro. Zeit dafür hatten wir nicht, ich aber war relativ gut akklimatisiert durch langen Voraufenthalt auf Höhen 3300 bis über 4000 m mit einigen Aufstiegen höher, inklusive touristischem Aufstieg auf Regenbogenberg über 5000 m.
Zum Abschluss noch einige trockenere Daten:
- aktuelle Verhältnisse in Bolivien – zumindest La Paz und Umland – trotz Erschütterungen noch ziemlich sicher, meiden El Alto oder Santa Cruz de la Sierra, was sowieso allgemeine Regel. Peru deutlich gastfreundlicher und eine Stufe besser organisiert, wenngleich mit Eigenheiten;
- Akklimatisation stark gefördert durch zahlreiche Touristenaufstiege beim ersten Besuch: Humantay-See mit Aufstieg zu hohem Punkt im Grat darüber (~4300 m), Erkundung Inka-Ruinen über Cusco bis ca. 3900 m und unerträglich populärer Massenbesuch Aufstieg auf 5036 m hohen Regenbogenberg (Vinicunca), danach mit leichtem Klettern (I, Guanako folgt) noch Aussichtspunkt nahe 5060 m erreicht. Rotes Tal in unmittelbarer Nähe sehr besuchenswert. Dazwischen abgestiegen zu Machu Picchu und auf luftig beliebten Huayna Picchu (2693 m) darüber gestiegen, hat aber Höhenbereitschaft nicht besonders negativ beeinflusst;
- sehr Vorsicht bei Wasser- und Nahrungsaufnahme in Peru und Bolivien nötig; ich habe Großteil der Reise mindestens gewisse Gesundheitsprobleme erlitten, inkl. Verdauungsstörungen und Halsschmerzen. Beim Illimani-Aufstieg wegen Kälte bis -15 bei stellenweise starken Windböen trotz mehrerer Handschuhe und Socken Frostbeule an einem Finger erlitten, die nach Rückkehr in Slowenien Notaufnahmebesuch erforderte, und etwas Zeit für Wiedererweckung der Zehen-Mobilität. Gerade Kälte neben moderater technischer Schwierigkeit und Höhe eine der Hauptprobleme des Illimani-Aufstiegs;
- obwohl Hochsaison im bolivianischen Hochland Juni bis September, also Andenwinter südlich Äquator, waren Bedingungen für Aufstieg schon Ende Mai bei trockenem Wetter ziemlich optimal mit beachtlicher Schneemenge, die dort sonst erst um 5500 m beginnt, und noch relativ langen Tagen. O, ja, kalt war's.
Ausflug, der mit Baden im Pazifik bei Lima begann, endete mit genussvollem Abstieg auf „Straße des Todes“, fühlte sich wie Belohnung für erfolgreichen Illimani-Aufstieg an; letzterer wird wohl lange persönlicher Bergsteiger-Meilenstein bleiben.
PS: Bilder diesmal leider weniger wegen nächtlichem Aufstieg, Bemühung Finger zu erhalten und Kälte, die fast leere Akkus der Handys auf Gipfel verursachte.
PS2: Noch etwas zur Berg-Höhe. Verschiedene Quellen nennen für Pico Sur als höchsten Illimani 6438, 6439, 6442 bis gar 6460 und 6462 m, letzteres deutlich zu hoch. Ich folgte offiziellen Karten, die alle „maßige“ 6439 m propagieren; persönlicher Höhenmesser zeigte mir 6442 m.