Ich tue nur meine Arbeit.
Ich spüre schon eine ziemlich spürbare Nervosität in der Luft, deswegen bin ich heute früher aufgestanden als sonst. Dieses Gefühl bringt mich zurück ins Jahr 1991, Juni. Ich war damals 12 und von der Oma (Nonne) bekamen wir einen Anruf aus der Primorska nach Maribor, dass an der Grenze zu Italien Panzer stehen. Natürlich haben wir alle, Vater vorneweg, das zuerst komplett geleugnet, wörtlich. Wahrscheinlich hat die Oma etwas verwechselt, sie ist alt, vielleicht haben sie nur Waffenu Übungen usw. Wir waren in Leugnung, es schien uns zu unglaublich, um wahr zu sein, bis wir im Radio hörten, dass wir tatsächlich im Krieg sind. Ich war damals nicht fähig, die volle Realität zu erfassen und alle Infos um mich herum zu verarbeiten, weil es zu schnell ging und ich zu jung war. Aber ich erinnere mich an dieses Gefühl und das heutige ist erschreckend ähnlich wie 1991. Manche Gesichter sind dieselben.
Beim Morgenkaffee habe ich mir einen interessanten Vlog zum Thema »ich tue nur meine Arbeit« angesehen und beschlossen, auch meinen Topf dazu zu stellen. Zumindest teilweise, weil ich gestern Kommentare bekam, dass ich »Einhorn«-Themen mache (#nobenezamere). Deshalb heute etwas Greifbareres, Lokales, Aktuelles. Etwas, das ich hoffe nicht so abstrakt ist und leichter verständlich. Offenbar ist uns allen klar, dass wir im neuen Modetrend »ich tue nur meine Arbeit«, »der Vorgesetzte hat es so befohlen« und »solche Anweisungen haben wir bekommen« sind. Wir wissen wahrscheinlich alle, wovon ich spreche.
Diese Ausreden, denn so kann und will ich sie nicht anders nennen, haben mich in ein scheinbar unverbundenes Ereignis gezogen, im Urlaub vor zwei Jahren. Beim Morgenkaffee, auf der Terrasse, beim Lärm der Möwen, habe ich im Internet gestöbert und bin auf das Projekt der Fotografin Marina Amaral aus 2018 gestoßen, the Faces of Auswitz. Die digitale Koloristin hat beschlossen, Fotos von Menschen, die im Auschwitz Birkenau-Lager starben, farbig zu retuschieren und damit den Toten zu gedenken. Ihr resonantestes Foto ist das der 14-jährigen Polin Czesława Kwoka, Stunden vor ihrem Tod aufgenommen (unten).
Ich interessiere mich nicht übermäßig für Geschichte, aber damals hat mich etwas angezogen. Der Blick des Mädchens hat mich schockiert, tut es heute noch. Ein paar weitere Klicks führten mich durch Seiten, die Gräuel vor ca. 75 Jahren beschreiben, die ich nicht detailliert beschreibe, um euren Samstagmorgen nicht zu verderben. Ich berühre nur die häufigsten Ausreden (Antworten), die Nazis im Nürnberger Prozess gaben. Ihr glaubt es nicht, oder doch, aber die häufigsten waren: »nur Befehle befolgt«, »Vorgesetzter hat es so befohlen« und »ich habe meine Arbeit gemacht«.
Die Geschichte des 2. WK kehrt sich am Kriegsende um, als die Massenpsychose des damaligen Regimes zerbrach und die Hauptverbrecher nach Nürnberg gebracht wurden. Ich habe nicht alle Daten, was mit ihnen passierte, aber ich schätze, sie wurden nicht geschont. Am meisten erschüttert mich, dass diese Leute die ganze Zeit fest davon überzeugt waren, dass mit dem, was sie tun, nichts falsch ist. Das ist der Teil der Geschichte, der mich am meisten erschüttert, mich schockiert und sprachlos macht.
Wenn ihr zufällig oder absichtlich auf den deutschen Heiler Bruno Groening gestoßen seid, wisst ihr, dass unter seinen »Patienten« viele waren, die vom damaligen Regime indoktriniert und nur Befehlen folgten. Krank, müde und traumatisiert. Ein Soldat, der im Lager während des Krieges arbeitete, sagte mit tränenfeuchten Augen: »...wir waren jung und haben getan, was befohlen wurde, nach dem Krieg blieben wir allein mit unseren Dämonen.«.
Liebe Freunde, auch diese Psychose wird sich eines Tages auflösen, glaubt mir. Ob ich es erlebe, weiß ich nicht, aber irgendwann endet all das. Dann müsst ihr, die heute nur eure Arbeit macht und Befehlen folgt, weiter mit diesen Leuten leben und vor allem mit euch selbst überleben, was glaut mir, der schwerere Teil. Die Leute, die euch heute Befehle geben, die ihr befolgt, werden dann nicht mehr da sein, um euch zu verteidigen. Ihr seid euch und euren Dämonen überlassen.