Diesen Brief habe ich gerade erhalten.
LIEBER PREMIERMINISTER, HALLO –
danke, dass du dich an mich erinnert hast, und das nach über dreißig Jahren, die wir uns nicht gesehen haben! Schön, dass du an mich und Bernardo denkst, die auch heute einen Brief erhalten hat, herzlichen Dank auch in ihrem Namen!
Ich muss aber gleich bemerken, dass du immer noch kaum weniger oberflächlich bist als in den 1980ern. Im Brief an Bernardo – ich habe ihn gelesen, um zu sehen, ob du andere, femininere Dinge erwähnst, aber der Text ist gleich – sehe ich, dass du sie mit _Sehr geehrter_ ansprichst, nicht _Sehr geehrte_, wie es ihrem Ansehen zukommt. Gerade weil ihr euch kanntet, da sie bei MikroAda gearbeitet hat, wusstest du sicher ihr Geschlecht! Es ist nicht gut, wenn solche Schlampigkeit in den Brief sickert.
Das bemerke ich völlig wohlwollend. Da war ich damals wirklich wachsam bei dir – du erinnerst dich sicher, dass ich deine Grammatik korrigiert habe? Es ging um jenen Text von dir über die gleichberechtigte Nutzung des Slowenischen in der JLA, den Zlobec und ich für dich in Problemi veröffentlicht haben. Mein Mitherausgeber hat dir eine Menge Stiltipps gegeben, ich habe deine Grammatik korrigiert.
Ich habe dir so einige Kommas korrigiert, obwohl im Durchschnitt nichts damit war: so viele zu viel an einer Stelle, so viele zu wenig anderswo.
Du erinnerst dich sicher daran, da du selbst in _Premiki_ dazu geschrieben hast (S. 20) so:
„Im Gefängnis und später habe ich mich oft gefragt, warum sie gerade mich eingesperrt haben. Es ist wahr, dass ich mehrmals Dinge geschrieben und veröffentlicht habe, die andere nur geflüstert haben. So hat mich z.B. Jaša Zlobec 1986 überredet, für die Zeitschrift Problemi eine Abhandlung über die Gleichberechtigung der slowenischen Sprache in der JLA zu schreiben, in der ich national homogene Einheiten gefordert habe. Er hat mir zuvorkommend alle nötige Literatur besorgt und mir eine Reihe von Tipps gegeben. Erst als sie mich von allen Seiten angegriffen und die Generäle Strafverfolgung verlangt haben, habe ich mich gefragt, warum Jaša, der sich viel besser als ich mit Slowenisch auskennt, den Artikel nicht selbst geschrieben hat.“
Warum hat Jaša Zlobec den Artikel nicht selbst geschrieben? Nun, das kann ich dir erklären, ich war die ganze Zeit dabei. Hauptsächlich hat er es nicht getan, weil du dich mit der Jugoslawischen Volksarmee viel besser auskennst als er! Du hast ja Verteidigungsstudien studiert und hattest damals die passende Parteifunktion im Bund der Sozialistischen Jugend Sloweniens: du warst Sekretär für allgemeinen Volksresistenz und gesellschaftlichen Selbstschutz! Und sonst wäre es deplaciert gewesen, wenn Zlobec über die JLA schreibt, der wie ich wegen Gewissensbedenken nie Wehrdienst geleistet hat (und Kritiker uns daher zu Recht als unqualifiziert abtun könnten, über diese Dinge zu schreiben)!
Und zum Schluss – die Idee und der Wunsch waren deine! Du bist zu uns gekommen, nicht wir zu dir! Deine Unterstellung (die mindestens impliziert, dass Jaša Feigling war, und darunter dass er UDBA war) erscheint mir als Lehrbuchbeispiel einer Logik, die in den untadelhaftesten Handlungen Verschwörung sieht.
So viel zu deinen Kommas und deiner Paranoia.
Meine zweite Bemerkung betrifft die Schriftgröße im Brief. Wenn dir wirklich an uns Vulnerablen liegt, also alten Männern und Frauen, weißt du sicher, dass wir Kleinschrift nicht lesen können. Alte Augen sind dafür einfach zu müde. Merkst du nicht, dass Augenanstrengung (und Gehirn) allein den Herxheimer-Sturm auslösen kann – eine wütende Reaktion, in der Abwehr-T-Zellen das Lungen-Gewebe ihres Wirts angreifen, die dann dem Covid zugeschrieben wird? Natürlich ist das Phänomen nicht alltäglich, aber bei zwei Millionen Briefen bedeutet 0,1% Inzidenz zweitausend (2000) Tote. Die Leute könnten dich direkt verantwortlich machen!
Ich verstehe, warum die Buchstaben klein sind – du hast schlechte Berater. Jemand hat dir gesagt „mehr ist besser“, also hast du einen so langen Brief geschrieben, wie ich als Literat höchstens an meinen verstorbenen Vater, ebenfalls Literaten, geschrieben habe. (Natürlich war das, als er noch nicht verstorben war.)
Glaubst du wirklich, dass deine Bürger so viel Zeit haben, so einen Roman-Fresko zu lesen? Hättest du mich um Rat gefragt – und ich hätte ihn dir gerne gegeben – hätte ich gesagt, dass die Leute heute mindestens vier Stunden täglich für die Erfüllung deiner Covid-Verordnungen brauchen – du weißt schon, Schlangenstehen, Waschen und Bügeln von Schutzmasks, Suche nach Test- und Impfzentren, Wählen von Telefonnummern gesundheitlicher Einrichtungen die nicht rangehen, Selbstuntersuchung von Knoten und Verhärtungen weil solche Untersuchungen vorübergehend ausgesetzt sind, Selbstabhören weil Kardiologie voll ist – so dass den Armen wenig Lesezeit bleibt. Ich hätte dein Mahnen auf maximal fünfzehn Zeilen gekürzt und wichtige Punkte fett markiert.
Dann Inhalt – auch hier ein paar Anmerkungen.
Hast du deine früheren Verdienste wirklich vergessen? Dass du in den bleiernen Zeiten vor den Verschiebungen „Dinge geschrieben und veröffentlicht hast, die andere nur geflüstert haben“? Das fehlt mir in diesem Brief von Herzen! Warum sagst du z.B., dass „Erwartungen /an die Ausrottung des Virus/ … sich erfüllt haben, aber nur dort wo die große Mehrheit geimpft ist“, wo doch selbst Spatzen auf den Dächern zwitschern, dass die Infektionsrate am höchsten gerade in den am stärksten geimpften Ländern ist – sagen wir im Vereinigten Königreich, Israel, Österreich, Niederlande – überall wo das undichte Impfstoff die natürliche Immunität der Bevölkerung bedroht hat.
Hey, Impfstoff ist kein Gebäck!
Um nicht nur kritisch zu sein: mir gefällt dein Verweis auf Einheit sehr:
„Unser gemeinsamer … Feind ist das Virus, das alle bedroht. Den müssen wir besiegen, und das können wir nur gemeinsam.“ Diese entschlossenen Worte zeigen, dass du endlich die Spaltungen zwischen „uns“ und Kommunisten, Erben Karantenijas und Zwerg aus Murgel, reinen Slowenen und Migranten hinter dir gelassen hast. Wirklich vielversprechend, dieser Gedanke, dass wir bald in brüderlicher Eintracht leben, mit schwingenden Spritzen im Kampf gegen den Feind!
Dein Argument, dass „geimpft … schon Milliarden Menschen auf dem Planeten und bei solcher Zahl kann man nichts verbergen“, gefällt mir auch.
Du bist sicher berufen, darüber zu sprechen, mit deiner jahrelangen reichen politischen Erfahrung. Wenn du sagst, dass bei Milliarden nichts versteckt werden kann, deutest du geschickt an, dass vieles versteckt werden kann bei nur zwei Millionen Einwohnern.
Im Brief dankst du besonders den schon Geimpften, dass sie damit „auch ihre Nächsten, Gemeinschaft, Staat und letztlich unseren Planeten geschützt haben“. Du hast vergessen, sie zu warnen, dass Impfung nichts bringt – sonst bräuchte man den Geimpften keinen „Auffrischungsdosis“ zu verkaufen, den ersten in der Serie, die ich prophetisch „Von hier bis Ewigkeit“ nenne.
Zum Schluss zurück zu meiner Berufsdeformation, Grammatikkorrektur. Ich sehe, du schreibst „werden Sie sich leichter entscheiden“. Da es adverbiale Verwendung ist, nicht Adjektiv, ist nur der Adverb passend, also „dass Sie sich leichter entscheiden“. Zwar weckt der Komparativ „leichter“ unliebsame Assoziationen, aber das musst du hinnehmen.
In Zukunft möchte ich nur, dass du mehr über Ungeimpfte sagst. Vielleicht lobst du uns auch, weil wir verantwortungsvoll handeln, da wir den Virus nicht über die Grenzen unserer Segregation tragen, während ihr Geimpften, denen Zutritt überall ohne Test erlaubt ist, reichlich Chancen habt, ihn unkontrolliert in der Masse zu verbreiten. Es wäre nicht richtig, wenn (un)geimpfter Status zu Spaltung wird. Schließlich ist der einzige ernste Unterschied zwischen Ungeimpften und Geimpften: Ungeimpfte sterben nicht an mysteriösen – und mysteriös übersehenen – Herzinfarkten.
Ich nutze die Gelegenheit und bitte dich, meine herzlichen Grüße auch der jetzigen Gattin auszurichten. Gut ist es in diesen Zeiten medizinische Hilfe an der Seite zu haben, auch wenn nicht streng kardiologisch.
Mit schuldiger Hochachtung,
Branko Gradišnik,