Ich bin kein Organisator, war nie einer, obwohl ich diese Bezeichnung mehrmals bekommen habe. Ich war bei den meisten Protesten im letzten Jahrzehnt, von den ersten in Maribor, die Kangler und seine Radars umgehauen haben, bis zu Protesten im Park Zvezda vor Jahren, als die Polizei zum ersten Mal den Wasserwerfer benutzt hat, damals noch den alten, auch bei Rechtskundgebungen war ich, mehrmals freitags bei Prešeren, und auf dem Republikplatz. Als Beobachter, Fotograf, Videodreh, Reporter, wir mit Tränengas sind schon per du.
Meist am Rand beobachte ich die Ereignisse. Ich mische mich nicht ein, provoziere nicht, stehe nicht vor Megafonen, Mikrofonen, trage keine Transparente, rufe keine Parolen.
Damit ich nicht missverstanden werde. Natürlich habe ich meine Meinung. Ich kommentiere die Situation auch, online oder mit Gesprächspartnern auf dem Platz, Straße, Weg. Ich laufe mit offenen Augen herum, manchmal tränenverhangen wegen Tränengas, gespitzten Ohren, die oft Sirenen, ohrenbetäubender Hubschrauberlärm, Explosionen, Hupen füllen.
Proteste sind die Basis. Das Wesen der Demokratie. Ich unterstütze jeden Menschen, der auf die Straße geht. Auch wenn ich nicht mit ihm einverstanden bin. Weil er das sichere Versteck des Sofas und Bildschirme verlassen hat. Aufgestanden und gegangen. Sich öffentlich exponiert. Seine Meinung laut gesagt. Im Gegensatz zu vielen, die nur hinter der Tastatur laut sind.
Weil er etwas ändern will. Weil er unzufrieden ist. Weil er genug hat.
Ende Disclaimer.
Heute bin ich mit dem Fahrrad aus der Stadtmitte zurückgekehrt. Jeden Tag fahre ich über den Republikplatz. Diesmal verständlicherweise langsamer, Zickzack um Demonstranten. Ich halte an, höre den Rednern zu, nach ein paar Minuten trete ich in die Pedale und versuche, mich über die Slovenska nach Vič durchzuschlagen.
Ich stecke zwischen Leuten auf einer Seite und gepanzerten Polizeieinheiten auf der anderen fest. Ziehe mich ans Straßenrand und beobachte. Wie viele andere, die vom Einkaufen kamen, Kaffee in nahen Cafés tranken, vom Arbeitsplatz gingen. Buntscheckiges Publikum, von älteren Damen, ich sah sogar eine Mama mit Kinderwagen, bis zu Schülern, die verwirrt die Ereignisse beobachteten. Das übliche städtische Nachmittagsgewimmel bekam eine neue Dimension.
Ungewöhnliche Polizeikavallerie, knurrende Polizeihunde, lauter Polizeihubschrauber tief über der Stadt, bis an die Zähne geschützte und bewaffnete Polizeipanzer. Zwischen Zäunen und Polizeilastenwagen, die ihre Sirenen heulen lassen. In der Ferne sehe ich den Wasserwerfer kommen.
Scheiße, aus friedlichen Protesten ist in Minuten ein verfluchter Kriegszustand geworden. Werfen von Tränengas in Rücken, an Passanten, Wegdrängen aller wahllos, starker Wasserstrahl auf jeden, der da war. Egal ob Demonstrant oder Papa mit Tüte vom Hofer, Schüler der auf den Bus wartet, der im Stau steckt weiß der Geier wo. Totales Chaos im Stadtzentrum.
Vollkommen egal im Moment wer für PCT ist und wer nicht, wer geimpft und wer nicht, wer welche Partei unterstützt, ob demonstriert oder nur nicht rechtzeitig wegkam.
Janez Janša und sein Clique wählen keine Mittel mehr. Es ist ihm egal ums Volk. Die Verfassung interessiert ihn nicht, dass in Slowenien die Macht beim Volk liegt.
Aber was du säst, erntest du. Der Slowene biegt lange seinen Rücken. Aber der Rücken bricht auch einmal. Und dann schlägt der Slowene zu. Und wen er trifft, der steht nicht mehr auf.
Wie Matija Gubec, Führer der Bauernaufstände im Mittelalter, sagte - die Herrschaft sieht groß aus nur solange das Volk kniet.